Gisbert Kranz an seinen Bruder Fritz, 2. Juni 1940
Bonn, den 2.VI.1940.
Lieber Fritz!
Für Deine Karte vielen Dank. Auch hier waren die Briten oft zu Besuch und ließen ihre Pralinen fallen, einmal ganz in der Nähe unseres Kastens, auf derselben Straße: Das hat gefetzt! Von einigen zweistöckigen Häusern ist nur noch ein Haufen Schutt da, die Scheiben sind in der ganzen Gegend zertrümmert. Wir haben bis jetzt noch nichts abgekriegt. In der letzten Woche sind wir nicht mehr gestört worden. Es wird jetzt ruhiger. – Drei Kameraden von Euch sind also schon gefallen. Auch von unserm Hause stehen viele im Westen. Wieviele davon schon gefallen sind, wissen wir nicht.
Was meinst Du, Fritz, wenn die drei nicht gefallen und lebend zurückgekommen wären, als wie kostbar hätten sie dann ihr Leben betrachtet. Sie hätten es nicht mehr an nutzlosen Dingen verschwendet, sondern gearbeitet und etwas geleistet, damit ihr Leben nicht umsonst ist. Jeder hat doch ein Ziel auf Erden. Wir leben doch nur, um eine Aufgabe zu erfüllen, jeder da, wo er hingestellt wird. Du weißt noch nicht, was Du werden willst, Fritz. Aber das weißt Du doch sicher: Du willst etwas Tüchtiges werden, etwas leisten, damit die Leute nach Deinem Tode sagen können: Das war ein tüchtiger Mensch, der hat etwas geleistet! Das Leben ist kostbar, wir wissen nicht,
wann es zu Ende ist. Glaube, wenn Deine drei gefallenen Kameraden gewußt hätten, daß sie nur 20 Jahre lebten, daß 1940 ihr Leben zu Ende sei: Sie hätten gewiß mehr gearbeitet und besser gelebt. Jeder muß so leben, daß Gott ihn jederzeit rufen kann, daß er dann frei vor Gott treten kann u. sagen: „Hier bin ich, ich habe meine Pflicht im Leben getan. Mein Leben war nicht umsonst. Du hast mir soviel Talente gegeben, sieh: Ich bringe Dir noch viel mehr zurück!“
Weißt Du, Fritz, was ich damit sagen will?
Es grüßt Dich
Dein Gisbert