Gisbert Kranz an seine Eltern, 7. Juni 1940
Bonn, den 7.VI.1940.
Liebe Eltern!
Heute erhielt ich Mutters lieben Brief, wofür ich herzl. danke. Es ist wahr, ich habe Euch lange warten lassen auf einen Brief von mir, und Mutter hat die Gründe schon selbst herausgefunden. Es ist jetzt oft nötig, den nachts abgebrochenen Schlaf tagsüber nachzuholen, und doch darf das Studium unter diesen Verhältnissen nicht leiden. Dazu kommt das schwüle Klima Bonns, und so ist es Dir, liebe Mutter, wohl verständlich, daß Du nicht mehr so oft von mir hörst. Du beklagst Dich, mein letzter Brief sei so kurz ausgefallen. Die Dinge, die ich Euch mitzuteilen hatte, drängten, doch zu einem ausführlichen Bericht fehlte mir leider die Zeit. Eine Postkarte konnte ich nicht schicken, da ich ja noch mehrere Anlagen beilegen mußte. Daß Du über diesen im Telegrammstil abgefaßten Brief schimpfst, kann ich Dir nicht verdenken, da Du die Umstände nicht wußtest, doch würde ich meinen Ärger an Deiner Stelle nicht auf einer Karte losgelassen haben, da diese jeder lesen kann, der am Brieftisch, wo die Post immer ausgelegt wird, vorübergeht. Nun, zur Entschädigung soll dieser Brief dann länger werden, vor allem da ich heute Zeit habe und das Wetter nicht so entsetzlich heiß ist. Da ich gerade vom Wetter rede: Hier gerät man so ins Schwitzen, daß meine ganze Wäsche abends klatschnaß ist u. ich am liebsten jeden Tag wechsle. Die Unterwäsche
muß ich jetzt zumindest zweimal in der Woche wechseln, sonst klebt alles am Leib. Solange ich meine Wäsche noch ohne Seifenkarten geliefert bekomme, kann ich das machen.
Nachdem die Engländer eine zeitlang uns mit ihren Besuchen verschont haben, werden sie jetzt wieder lebendiger, und wir müssen nun fast jede Nacht wieder aus den Betten, genau wie bei Euch. Der Wassersport auf dem Rhein ist wegen Treibminengefahr, verboten und die Freibäder sind geschlossen, was sehr unangenehm ist. Unser Luftschutzkeller ist vorbildlich, und überhaupt ist in dieser Beziehung alles gut organisiert. Drei Mann halten in jeder Nacht Wache, und bei Alarm wird mit den Schellen für das Haus ein besonderes Zeichen gegeben, auf das alles inclusive Vorstand, Nonnen und Gesinde sich schleunigst in den Luftschutzkeller zu begeben hat. Dann hockt alles unten auf langen Bänken zusammen, hier sitzen drei und skaten, da lesen welche und woanders versuchen welche zu schlafen in allerlei malerischen Stellungen, die Bettdecken eng umhüllt. Dazwischen geht der Chef oder Dr. Steinberg u. reißt abundzu einen faulen Witz, und die Nonnen sitzen in einer Ecke für sich und beten den Rosenkranz. Das ist das Milieu in unserem Luftschutzraum, und ich muß sagen, daß es sehr viele Vorwürfe für einen Zeichner bietet. Ich habe mir auch einen Zeichenblock gekauft und nehme diesen mit ’runter, wenn es mir einfällt, überhaupt bei Alarm aus dem Bett zu steigen. Denn manche tun das nicht, und ich bleibe auch oft im Bett. War in einer Nacht Alarm, schlafen wir morgens eine halbe Std. länger. Prim u. Betrachtung fallen dann aus.
Übrigens haben wir eine eigene Hausfeuerwehr von 12 Mann, lauter ausgebildete Leute, zu denen zu ge-
hören ich ebenfalls die Ehre habe. Auch in dieser Hinsicht sind wir gerüstet. Wir haben im Haus mehrere Hydranten mit langen Feuerwehrschläuchen, ferner rd. 20 Minimäxe und noch Wasservorräte auf dem Speicher. Außerdem an drei Stellen auf dem Boden Telefonanschluß nach unten zum Luftschutzraum. Bis jetzt haben wir diesen ganzen Apparat noch nicht benötigt, und ich hoffe auch, daß es weiterhin nicht in Anspruch genommen wird. Das Leoninum ist ein Riesenbau, dessen Dachstuhl ganz zusammenhängend u. durch keine einzige Brandmauer getrennt ist. Wenn da mal irgendwo ein Brand entsteht und wir nicht selbst gleich zupacken, kann uns das ganze Dach abbrennen.
Die Nachtwachen sind auch im Universitätsgebäude eingeführt, wo je ein Professor mit zwei Studenten die Wache hält. Nächsten Donnerstag habe ich im Kasten die Wache. Sowas sind wir alle ja schon vom RAD her gewohnt.
Übrigens sind Pinx, mein Leibbursche, und Roni, mein „Bruder“, die Pfingsten bei uns zu Besuch waren, eingezogen worden. Mit Pinx hatte ich damals gepaddelt, Ihr entsinnt Euch noch? Ebenfalls hat heute Schick, den Ihr auch von dem Abend damals her kennt, einen Gestellungsbefehl bekommen. Christian Koch, mein Stubenkamerad im letzten Trimester, ist schon einige Wochen fort. Er schrieb einen sehr lustigen Brief. Überhaupt zeugen die Briefe unserer Soldaten, die der Chef immer der ganzen Kommunität vorliest, von ungebrochenem Mut und starker Gelassenheit. Viele von meinen Kontheologen haben die große Schlacht im Westen mitgemacht; ob u. wieviele gefallen sind, ist zur Zeit noch unbekannt. Ich will Euch einige Sätze nicht vorbehalten aus einem Briefe, den mir Alfred Deuter schrieb:
„Jawohl, ich habe meinen Frohsinn behalten und werde ihn wohl kaum verlieren. Ich lasse mich eben durch garnichts unterkriegen... So eine unerschütterliche Gelassenheit, über die Du so fein schriebst, habe ich mir zu eigen gemacht. Wenn da so einer vor der Front schreit, dann führt mein Körper irgendwelche Bewegungen aus, aber meinen Geist bekümmert das wenig; er wird erst am Feierabend wach; nicht daß ich unbewußt lebte den Tag über: man macht sich schon seine Gedanken über alles, Dienst, Führer usw., und man kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie im RAD. ... Aber was kann uns Christen erschüttern!“
Ist das nicht herrlich!? Und ich bin froh, daß die meisten Theologen aus dem Feld in ihren Briefen dieselbe Gesinnung zeigen. Ich korrespondiere mit rund 25 Soldaten, und es ist herrlich zu sehn, wie tapfer die Leute sind! Sie sind einem für jedes liebe Wort dankbar. Den engeren Freunden schicke ich selbstgeschrieben Grafiken, und sie sind sehr dankbar. Das ist Apostolat. L., ein Mainzer Bäcker, den ich noch aus dem RAD kenne, schreibt mir auch noch immer. Neulich in einem Brief folgendes: „Ich bin froh, daß die Verbindung zwischen uns nicht abreißt... Hoffentlich ist der Krieg bald zu Ende, damit wir einmal zusammenkommen könnten, um uns wieder einmal richtig zu unterhalten und auseinanderzusetzen, wie einst im RAD, denn das fehlt mir hier. Weil ich ja mit lauter älteren Leuten zusammenbin, die mich nicht so recht verstehn u. begreifen können, trotzdem ich ganz gut mit ihnen auskomme.“ Er gab mir die Anschrift seiner
Eltern in Mainz an, „um die Verbindung nicht abreißen zu lassen“, falls seine Anschrift sich ändere.
Solche eine Ruhe und Gelassenheit, wie sie namentlich unsern Theologen im Feld eigen ist, wünsche ich Euch auch. Der Herrgott ist nicht tot, er lebt noch und wird für uns sorgen. Dieses Gefühl muß uns ruhig und gelassen machen. „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken; alles vergeht, Gott bleibt derselbe. Geduld erreicht alles. Wer Gott besitzt, dem kann nichts fehlen. Gott allein genügt.“ Lest Euch diese Worte mehrmals ruhig durch, damit Ihr den ganzen Sinn dieser herrlichen Gedanken der großen Theresia von Avila, der Heiligen Spaniens, innewerdet. – Diese häufigen Alarme dürfen unsere Nerven nicht zerreißen. Ich empfehle Euch übrigens, Traubenzucker (Dextro-Energen) bei Müdigkeit u. Schwäche einzunehmen. Ich habe es mit Erfolg schon getan.
Vorgestern machte unser ganzes Semester (20 Mann) einen Ausflug zum Drachenfels, zu dem wir auch unsern Rendanten eingeladen hatten. Es war sehr heiß, doch bekamen wir viel Spaß. Unser Senior hatte in einem Siebengebirgslokal ein Säälchen bestellt, in dem wir uns den vom Rendanten gestifteten Kaffee u. Kuchen schmecken ließen u. mehrere Mimiken brachten. Ich trat als Professor Vogels u. Prof. Dölger auf, die ich – mit schwarzem Kollar auf meinem hellen Sportanzug (wie ein amerikanischer Bischof) bekleidet – zum Gaudium aller mimte. Das Kollar (Priesterkragen mit schwarzem Vorsatz) lieh mir der Rendant.
Gestern nachmittag fuhr ich nach Kirchheim, wo ich Emonds besuchte. Als ich ihn zuletzt am 1. Mai besuchte, hatte er einen hochroten Kopf u. hustete stark. Trotzdem ging er noch für Stunden in die Kirche, Beicht hören. Am andern Tag mußte er im Bett bleiben u. sich für das Hochamt (Christi Himmelfahrt) vertreten lassen. Mit einer schweren Grippe hat er 4 Wochen gelegen. Er sagte mir, er sei knapp an einer Lungenentzündung vorbeigekommen. Jetzt war er einigermaßen wieder auf dem Damm u. tat wieder Dienst. Der Hauptmann, den er wochenlang in Quartier hatte (er betrachtete sich selbst schon zum Inventar gehörig, wie er selbst mir lachend sagte) und den ich bei meinem ersten Besuch in Kirchheim kennenlernte – ein prächtiger, blonder Fall[=?] aus Münster, ein noch junger Offizier – ist am 10. Mai mit ausgerückt, hat bereits die ganze Flandernschlacht mitgemacht u. sich das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz verdient. –
Nachdem Emonds mir die Kirche gezeigt hatte und seine Paramente (neben einigen alten echt barocken mehrere gotische Meßgewänder in feiner Farbe u. Form, die er selbst angeschafft hat) u. mit mir auch den Turm hinaufgeklettert war, um von hier die herrliche Aussicht zu genießen, setzten wir uns in seinen herrlichen Garten, wo wir uns über zeitgemäße Fragen aussprachen.
Nächsten Montag gedenke ich, nach Schloß Brühl zu fahren, und Mittwoch hat unsere Innung mit einigen alten Herren ihre „Mai“bowle auf dem Kuckstein am Drachenfels. –
Es wird Euch so scheinen, als ob ich nichts anderes täte, als Ausflüge machen und mich zu vergnügen. Dem
ist freilich nicht so, wenn ich auch bei diesem herrlichen Wetter öfter als sonst ausgehe. Ich habe einen ganz festen Arbeitsplan, nachdem ich arbeite, und den halte ich eisern durch. Manche haben sich schon daran geärgert: Ich arbeite zuviel. Doch ich habe sie schnell eines anderen belehrt. Ich fasse das Studium überhaupt nicht als Arbeit auf, wenn es auch oft viel Schweiß kostet, ich lerne nicht nur aus Pflichtbewußtsein, sondern aus Freude u. Begeisterung an der Sache. Ich „arbeite“ auch nicht für die Prüfungen (die lassen mich ziemlich kalt) und beschäftige mich auch mit Dingen, die außerhalb des theologischen Studiums liegen. Heute wird vom Priester nicht nur eine gründliche Fachausbildung verlangt. So beschäftige ich mich augenblicklich mit Russischer Literatur (Dostojewski, Tolstoi, Puschkin). Ich will mehr als bloßer Durchschnitt sein. Auf gute Zensuren kommt es mir dabei überhaupt nicht an (darum mache ich mir keine Sorge), ich weiß ohne diese, was ich weiß, ich weiß (trotz einer schlechten Note), was ich weiß, und ich weiß (trotz einer guten Note), was ich nicht weiß.
Nun will ich auf Euren Brief noch einiges antworten. – Die Rechnung vom Verlag Rauch, Innsbruck, bezahlt Ihr bitte, da ich augenblicklich mehrere größere einmalige Ausgaben habe. Unser Chef hat Ende Juni sein 25 jähr. Priesterjubiläum; aus diesem Anlaß schenkt die Kommunität ihm einen Kelch, zu dem ich 3 M beigesteuert habe. Soviel muß jeder ungefähr zulegen, damit wir die Summe von 350 M zusammenbekommen. –
Tschuck muß zuerst in den RAD. Er kommt also noch nicht sofort zum Heer. – Für die Bezahlung der „Neuen Saat“ danke ich herzlichst. – Über die von Karlheinz berichtete Episode habe ich kräftig gelacht. Ich sage natürlich
nichts. Es ist übr. völkerrechtswidrig, mit das zu schicken! – Ich stimme Karlheinz’ Vorschlag bei, als Gabe vom BV. „Langbehn, Der Geist des Ganzen“ zu wählen. –
Am 15. Juni werde ich ein Paket nach Hause schicken mit schmutzigen Strümpfen. Bis dahin könnt Ihr mit Eurem Paket noch warten, u. komme ich mit meinem Drops-Vorrat noch aus. Auf Schokolade lege ich keinen Wert, wohl schätze ich bei dieser Hitze sehr Pfefferminz. Kragen brauche ich keine, da ich jetzt die Sporthemden trage, u. zwar ohne Schlips mit offenem Kragen. Laß die beiden gestärkten Kragen also bitte zu Hause!
Die Briefe von Klaus und Tante Aloisia bitte ich Euch mir zu schicken, da mich die Berichte sehr interessieren. – Ferner bitte ich um die Anschriften von Willi Overwien u. Hugo Kreutzer. –
Das Rauchen habe ich aufgegeben , da ich keine Lust habe, von Tabakladen zu Tabakladen zu laufen. Seit 2 Wochen habe ich keine Zigarette mehr angerührt. Übrigens sind die Tabakkarten in Bonn nicht eingeführt. –
In der Anlage die Zahlkarte von Rauch u. Ova-Schecks.
So, nun seid nicht böse, wenn ich mal eine längere Schreibpause eintreten lasse. Dabei gleich an Krankheit u. a. zu denken, ist albern. Legt es auch bitte nicht als Undank aus, wenn ein Brief mal zu kurz ausfällt. Seht meinen besten Dank darin, daß ich meine Pflicht tue. – Günter wünsche ich bei seinem Stenografiekursus viel Vergnügen u. für die Fahrt nach Lüdinghausen gutes Wetter, Mutter gute Erholung! Für Karlheinz’ Zeilen Dank, für Vater wünsche ich ruhige Nerven und gutes Geschäft. Euch alle grüße ich vielmals
Euer Gisbert