Gisbert Kranz an seine Familie, 23. Juni 1940
Bonn, den 23.VI.1940.
Meine Lieben!
Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, wird Mutter mit Günter wieder aus Lüdinghausen zurücksein. Ich hoffe, daß sie heute viel Spaß bekommen. Mutters beide Karten habe ich erhalten. Ebenso den Fahrradschlüssel. Ich war froh, als ich ihn wiederhatte.
Übrigens rauche ich jetzt Pfeife. Das ist entschieden vorteilhafter als das Zigarettenrauchen. Erstens ist Tabak immer noch zu haben, wogegen die Zigaretten immer seltener werden. Zweitens ist Pfeife gesunder. Zehn Pfeifen sind nicht so schädlich, wie drei Zigaretten, bei denen man das Papier mit raucht. Drittens: Die Pfeife (oder vielmehr der Taback, den die Pfeife verbraucht) ist nicht so teuer wie Zigaretten. Mit 60 Pf. komme ich den Monat aus, wenn ich täglich zwei Pfeifen rauche. Viertens (das ist sehr wichtig!) kann ich jetzt auch bei der Arbeit rauchen, ungestört, 20 Minuten an einer Pfeife, ohne auf Asche achten zu brauchen, wie man das bei der Zigarette immer tun mußte. Fünftens ist die Pfeife bekömmlicher, und sechstens kommt der Taback nicht mit den Lippen direkt in Berührung, wie das bei der Zigarre u. Zigarette der Fall ist. Siebtens: Der Rauch kommt abgekühlt durch den Pfeifenstiel in die Lunge. Und Achtens pflege ich altes Brauchtum u. konservative Formen, denn die Pfeife ist – rein historisch gesehn – viel älter als Zigarre u. Zigarette. Übrigens ist die Pfeife auch rationeller, da der Taback restlos ausgekostet wird u. nichts weggeworfen wird, wie bei der Zigarre
der Stummel, und ich kann eine ganz beliebige Menge hineinstopfen. Will ich nur 3 Minuten rauchen, stopfe ich nur wenig rein. Soll der Genuß 10 Minuten währen, entsprechend mehr, und so kann ich nach freiem Ermessen dem augenblicklichen Bedürfnis u. den äußeren Umständen angemessen die Tabackmenge steigern bis zu 20 Minuten. – Ihr geruht zu lachen? Lacht nur, ich bleibe meiner Pfeife treu, sie ist jetzt schon hübsch angeraucht, innen ganz schwarz, u. mundet köstlich. Vor allem kommen mir die Vorzüge zustatten beim nächtlichen Arbeiten. Ich arbeite nämlich bei Vollmond immer nachts, und tagsüber schlafe ich. Nicht des Vollmondes wegen – beileibe, die Sonne leuchtet doch heller als der schönste Vollmond -, nein aber der feindl. Flieger wegen, die einen in Vollmondnächten regelmäßig zwischen 12 und 1 aus den Betten jagen. Vergangene Woche kamen sie Nacht für Nacht, jedesmal für ungefähr zwei Stunden. Doch bald wird den Briten die Lust dazu vergehen (Vorletzte Nacht waren sie sogar über Berlin, wie der Wehrmachtsbericht meldete). Was sagt ihr überhaupt zu den Ereignissen im Westen? Reims, Paris, Verdun, Lyon, Compiégne, Straßburg, - das ist ja alles fantastisch, gigantisch – mir fehlen die Ausdrücke, die unvergleichlichen Leistungen unserer Generäle und Soldaten zu loben. Vater als alter Frontkämpfer wird das alles besonders zu würdigen wissen. Jetzt wird der Krieg schnell zu Ende sein. Gott gebe, daß aus diesem Blut u. Wehen ein neues Europa entstehe, dessen Nationen in Gerechtigkeit neben- und miteinander leben. Doch wollen wir auch daran denken, daß mit dem Ende des Krieges noch lange nicht die gefahrvolle Zeit vorüber sein wird. Danach kommen Drangsale ganz anderer Art – Gott mag uns gnädig sein. Er prüft uns, aber er hilft uns auch. –
Es grüßt Euch in Liebe Euer
Gisbert