Gisbert Kranz an seine Familie, 30. Juni 1940
Bonn, den 30.VI.1940.
Meine Lieben!
Gestern feierte unser Chef sein 25 jähr. Priesterjubiläum. Von den Feierlichkeit anläßlich dieses hohen Tages will ich Euch nun berichten.
Am Vorabend von Peter u. Paul fand eine Feierstunde im engeren Kreise der Kommunität statt. Wir hörten die Ansprachen des Hausseniors, des Repetenten Dr. Steinberg, unseres Spirituals, des Prälaten Kiel und schließlich den Dank des Chefs, alles umrahmt von sauberen Darbietungen unseres Quartetts. Die Kommunität hatte ihrem „paterfamilias“ einen Kelch geschenkt u. eine Urkunde darüber ausgefertigt.
Am Morgen des Festtages – zugleich Patrozinium des Hauses – feierliches Hochamt, bei dem der Dekan der theolog. Fakultät, Prof. Dr. Barion, als presbyter assistens fungierte. – Um ½ 11 begann die Festakademie in der roten Festaula, die bis nach 1 Uhr währte.
Als Gäste waren erschienen: Exzellenz Weihbischof Dr. Stockmus, der Vorgänger Dr. Reckers im Amte eines Direktors des C. L., Prälat Prof. Dr. Serres (Steelenser; ehem. Direktor des C. Abertinum), der Dekan der Fakultät Prof. Barion mit vielen anderen Professoren, Msgr. Hinsenkamp (Stadtoberpfarrer von Bonn), Dr. Lieser (Direktor des C. A.), die Regentes der Priesterseminare Köln u. Aachen, Oberschulrat Dr. Langshorst (der uns Lateinunterricht gibt), Studentenseelsorger Dr. Tosetti u. noch andere Prälaten und Doktoren, deren Namen ich vergessen habe. In der hintersten Ecke saß – kaum bemerkbar – Prälat Kiel,
wie immer bescheiden im schlichten schwarzen Rock. –
Eröffnet wurde der Festakt durch ein Quartett von Scarlatti, das unsere Musiker kapriziös u. in gutem Zusammenspiel vortrugen. Dr. Steinberg begrüßte in herzlicher u. humorvoller Weise die erschienenen Gäste, las eine Anzahl Glückwunschtelegramme vor, u. a. das des Apostol. Admin. Dr. H. J. Sträter v. Aachen, des Weihbischofs Dr. Hünermann v. Aachen, Domprobst Paschen, des Eb. Offizialats Köln und die Grüße unserer Soldaten. Es folgte die Verlesung der lateinischen Urkunde. Nach einem gesungenen Quartett mit Blockflöten- u. Violinbegleitung, einer Hymne von G. v. Lefort und einer Fuge von Bach trat als erster der Gratulanten Exellenz Dr. Stockums an das Rednerpult. Er überbrachte Gruß u. Glückwunsch des Kardinals u. würdigte – in ruhiger u. sicherer Rede – die Verdienste Dr. Reckers. –
Als Vertreter der Kath. theolog. Fakultät nahm Prof. Barion das Wort, in seiner gewohnten saloppen Art redend, doch diesmal seine sonst so üppigen Gesten auf ein Mindestmaß mimischen Pathos’ einschränkend. (Barion ist übrigens noch keine 40 Jahre alt und schon ordentl. Professor! Ein ganz fähiger Kopf mit einem ungeheueren Wissen. Er ist Prof. des Kirchenrechts). Er betonte u. a. sein Bemühen um ein gesundes Verhältnis von Fakultät u. Universität zueinander, das einer Vernunftehe gleiche, und das Entgegenkommen Reckers’, diese seine Bemühungen zu unterstützen. –
Nach ihm trat mit gemessenen u. bedächtigen Schritten Rieser an das Rednerpult, um mit seiner hohen Stimme –Wort für Wort getrennt und unaffektiert aussprechend – das harmonische Verhältnis der beiden Konvikte zu rühmen, insbesondere die Vorzüge des Jubilars über den grünen Klee zu loben in dem ihm eigenen aesthetischen Idealismus.
Ich glaube, er war selbst überzeugt von dem, was er aussprach. Als er seine Rede beendet hatte, überreichte er dem Jubilar ein Fotoalbum mit Bildern aus dem Albertinum: Mit langsamen würdevollen Schritten, seine Birne leicht hin und herwiegend, näherte er sich dem Chef, während dieser schnell einige Schritte ihm entgegenging, freudestrahlend das Geschenk annahm und ihm mit beiden Händen die Rechte drückte. Seine Glatze erstrahlte nur so vor Wonne. –
Mit energischen Schritten trat nun Dr. Frings vor, Regens des Priesterseminars in Altenberg, ein etwas untersetzter Mann, aber kraftvoll und feinnervig, mit scharfen, fast aristokratischen Gesichtszügen. (Er war übrigens der einzige von den Rednern des Tages, der nicht das Katheder betrat, sondern sich daneben stellte.) Er sprach mit ungeheurer Stimme, rasch und mit musikalischem Tonfall, wählte seine Gedanken gut und trug diese in mustergültigem Stil vor. Seine kurzen und bündigen Worte hinterließen einen sympathischen Eindruck.
Nach ihm redete Hinsenkamp als Vertreter des Bonner Stadtklerus. Anfangs zeigte er eine nervöse Unruhe, steigerte dann aber sein Pathos schnell und trug seine langen Tiraden in übertriebener Stärke u. in sich überstürzendem Tempo vor. Man merkte sein Bemühen rhetorisch zu glänzen; er gefiel sich im Gebrauch von Metonymien, konnte aber dabei grotesk u. lächerlich wirkende Katad[.]esen nicht vermeiden. Er kam vom Krieg („unter dem Gesichtswinkel der donnernden Kanonen betrachtet“) auf die soziale Frage, von der Dogmatik auf die Priestererziehung, von der finanziell ungesicherten Position des Geistlichen auf die Physiognomie, die persönl. Charakteristik und die zukünftige Kononisation des Jubilars, „von 7 Hölzken auf 7 Stöcksken“ zu sprechen. Bei einer besonders komischen Stelle, nämlich
als er mit ernster Miene von der einstigen Heiligsprechung Reckers’ redete, war die schon lange wahrzunehmende Heiterkeit des Auditoriums nicht mehr zurückzuhalten, und der ganze Saal brach in schallendes Gelächter aus – wie mir scheint, weniger über den gehörten Witz, sondern mehr über die komische Figur, die der alte Hinsenkamp abgab. Es war eine bessere Mimik. Sein Pathos, das in keinem Verhältnis zu der Trivialität seiner Gedanken stand, steigerte sich zu einer Stimmstärke, die garnicht am Platze war, und mit ihm wuchs die Heiterkeit des Publikums, bis er plötzlich u. überraschend zum Schluß kam. Seine Rede währte wohl am längsten von allen, und doch glaubte ich, er sei noch lang nicht am Ende.
Die Festkorona atmete auf, und auch Hinsenkamp wischte sich den Schweiß von der Stirne, als er sich an seinen Platz zurückbegab. Da öffnete sich der Flügel der hohen Eingangstür, und unter lebhaftem Beifalltrampeln trat der alte Geheimrat Prof. Dr. Dyroll ein. Er begrüßte S. Exellenz, die sich kurz erhoben hatte, durch Handschlag und nahm dann Platz. –
Nach einer Serenade von Mozart hielt Prälat Serres die Festansprache. Er redete mit voller, wohltönender Stimme, warm und herzlich, um nicht zu sagen väterlich. Er schöpfte tiefe Gedanken über den Endsieg Christi, über das geschichtliche Werden unser heutigen geistigen u. religiösen Situation u. unsere Aufgabe in dieser.
In ebenso herzl. Art dankte Reckers, und mit einem Quartett G-Dur von Stamitz nahm die Feierstunde ihren Ausklang. –
Nach dieser immerhin anstrengenden Folge von acht Reden gingen wir mit hungrigem Magen in den Speisesaal hinunter, und ich darf wohl sagen: auch mit nicht geringer Erwartung,
denn wir hatten die ganze Woche krumm gelegen, und das mußte doch diesem Festessen zugute kommen. Unsere Erwartung wurde auch nicht getäuscht, denn die Nonnen hatten alles in feiner und repräsentativer Weise gerichtet, wie sich das gehört, wenn ein Weihbischof u. soviele hohe Gäste an der Tafel speisen. Die Speisenfolge – soweit ich sie noch im Kopf habe – war diese:
Sardellenschnittchen – Tomatensuppe mit Klößen – Spargel, gek, Schinken, neue Kartoffeln – Geflügel, eingem. Obst, neue Kartoffeln, Erbsen? – Frisches Obst (Erdbeeren u. Kirschen) – 37er Wein (die Marke habe ich vergessen).
Nachmittags, nach dem Kaffee, Freikonzert im Quadrum (Beethoven, Mozart, Schubert).
Nach der feierlichen Vesper Abendessen, dessen Speisenfolge sich der vom Mittag würdig anschloß.
Nach dieser Reportage über die Feierlichkeiten in unserem Haus, die Euch hoffentlich nicht allzu langweilig geworden ist, etwas anderes. Seit 14 Tagen ist keine Nacht ohne Luftangriffe u. Nachtalarm vergangen. Wenn auch nie großer Schaden angerichtet wird – meist werden sogar gar keine Bomben mehr geworfen – so ist doch das Hauptziel des Gegners, uns seelisch mürbe zu machen. Doch das soll ihm nicht gelingen. Wir wollen uns dadurch nicht kleinkriegen lassen. Wir – ihr zu Hause und wir Studenten – haben immer noch die Gelegenheit, den ausgefallenen Schlaf tagsüber nachzuholen. Aber was sollen die Arbeiter zum B. sagen? Da haben wir am wenigsten Grund zu klagen. Heute morgen haben wir bis 9 Uhr geschlafen. –
Klaus schrieb aus Norwegen einen Brief, auch Tante Al. schrieb mir. –
Nächste Woche schicke ich wieder ein Paket nach Hause.
Ich hoffe, daß es Euch allen noch gut geht. Karlheinz läßt nichts mehr von sich hören. Was macht die Pfarrjugend?
In 14 Tagen haben wir unsere Prüfung. Da ich mich bei Prof. Schwer in Sozialphilosophie schon im letzten Trimester habe prüfen lassen, habe ich jetzt nur noch ein Fach, in dem ich geprüft werde, das nicht schwer ist: Pädagogik. So habe ich für die Semesterprüfung diesmal nicht allzuviel zu tun.
Ich hoffe, bald von Euch wieder zu hören und grüße Euch herzlich
Euer Gisbert