Gisbert Kranz an seine Familie, 10. September 1940
Bonn, den 19.IX.1940.
Meine Lieben!
Für Mutters Brief danke ich herzlich.
Das Studium macht mir Spaß, ich bin augenblicklich in der Vorbereitung für das Philosophikum. Ihr glaubt nicht, wie vielseitig u. interessant das theologische Studium ist. Ich bin froh, studieren zu können, gerade jetzt in dieser Zeit. Von meinem Semester haben alle des Jahrgangs 20 einen Bereitstellungsbefehl bekommen. Sie werden wohl Oktober drankommen. Wie Ihr in der Zeitung sicher gelesen habt, wird der Jahrgang 21 u. darunter noch nicht eingezogen. Regulär käme ich erst Oktober 41 (!) fort. Dann wäre ich schon 6. Semester. Neulich waren verschiedene Theologen-Soldaten in Urlaub hier, auch mein ehem. Fuchsmajor. – Sonntag hatte ich mit der Innung einen weiten Spazierung zur Siegmündung gemacht. Auf dem Rückweg führte ich meine Kommilitonen durch die Doppelkirche v. Schwarzrheindorf. Gestern waren wir in Godesberg. –
Fliegeralarm haben wir bis jetzt erst zweimal gehabt. Wie ist es bei Euch damit? –
Bezügl. der Fahrpreisrückerstattung von Wesseling habe ich nichts mehr gehört. Meinen Arbeitspaß habe ich bekommen. Unser Dekan Prof. Barion hat in unserer letzten Fachschaftssitzung uns versprochen, so etwas nie wieder zuzugeben. Er bat uns, ihm einen Bericht über unsere Erfahrungen von Wesseling abzugeben, den er zweckentsprechend verwerten wolle. –
Das Geld habe ich bekommen, u. danke ich dafür; anbei eine Quittung des Rendaten über 250 M (Pensionspreis). Die 10 M für den Ferienaufenthalt wurden gesondert gebucht. Auf eine
Quittung darüber habe ich verzichtet. –
Es freut mich, zu hören, daß Vater sich so gut erholt hat. Hoffentlich hält das noch lange vor, was ja bei dem allmählichen Aufhören der Nachtalarme zu erwarten ist. – Gerade lese ich Mutters Postskript, das ich vorher übersehen hatte, u. daraus ersehe ich, daß Ihr außer der einen Nacht Ruhe gehabt hattet.
An Wäsche brauche ich:
2 Unterjacken,
1 lange Unterhose,
6 Strümpfe (können auch mehr sein)
6 Taschentücher mindestens, wenigstens alle, die zu der Serie gehören, die ich hier habe.
Sonst brauche ich nichts. An dicker Unterwäsche habe ich noch hier 2 Unterhosen (lang) u. 1 Unterjacke. Schick mir aber bitte noch Zahnpasta mit. Den dicken Wintermantel brauche ich eigentlich noch nicht. Wolltest Du, Mutter, nicht im Herbst noch nach Bonn kommen? Du könntest dann den dicken Wintermantel ja mitbringen. Sonst kannst Du ihn meinetwegen jetzt schon schicken, mit dem roten Seidenschal u. den grauwildledernen Handschuhen.
Es grüßt Euch herzlich, bes. Mutter, Euer
Gisbert
P.S. Die Taschenlampe werde ich wieder zurückschicken. – Die Kleiderkarte schicke ich wieder um. Wir lassen es dann so. Es wundert mich, daß kein Stempel auf der Karte ist als Beleg für die Ausgabe der neuen Kleiderkarte.