Gisbert Kranz an seine Familie, 22. Oktober 1940
Bonn, den 22.X.1940.
Meine Lieben!
Wenn es gelingt, daß ich Mutter morgen während ihrer Rückfahrt auf dem Bahnhof treffe, wird sie Euch diesen Brief mitbringen. Dann ist er noch eher da, als mit der Post. – Ich werde Donnerstag, 31.X. nach Hause kommen. Ich muß zwar schon Sonntagabend wieder hier sein, will aber sehen, daß ich noch bis Montag bleiben kann. Ich beabsichtige, Allerheiligen mit einem Konsemester ins Theater zu gehen. Ich habe so etwas schon seit langem entbehrt.
Nachdem vor 4 Wochen Geheimer Regierungsrat Prälat Prof. Dr. A. Ehrhard, Mitgl. der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universitäten St. Andrews (Schottland), Wien u. Athen, Inhaber hoher u. höchster Orden, Kirchenhistoriker u. Byzantinist von internationaler Bedeutung, gestorben ist, traf unsere Fakultät ein erneuter Verlust durch den Tod Prof. Dr. Dölgers, der ein Archäologe von Weltruf war. Ich selbst hatte noch das Glück, ihn einige Wochen hören zu können, bevor er infolge einer schweren Krankheit das Dozieren aufgeben mußte. So schrumpft unsere Fakultät zusammen. Mehrere Lehrstühle sind verwaist. Ich bin gespannt, ob der a. o. Prof. Dr. Klauser, der Dölger bisher vertreten hatte, nun sein offizieller Nachfolger durch Ernennung zum ordentl. Prof. wird. Ich glaube es nicht, da der Staat kein Interesse daran hat, die theolog. Fakultäten zu erhalten.
Am 16.X. machten wir Essener Theologen (wir sind heuer nur noch zu vieren) einen Besuch bei den Dominikanern in Walberberg. Der imposante Klosterbau aus dem Jahre 34 beherbergt 40 Mönche, dazu die Fratres und – seit Kriegsbeginn – ein Lazarett. Dem Kloster angegliedert ist eine Ordensschule, deren Einrichtungen auf einem beachtlichen Niveau stehen. So besichtigten wir auch das phonetische Institut, dessen modernste technische Einrichtungen der Erziehung von guten Rednern u. Predigern dienst. Ich war froh zu sehen, daß auch katholischerseits jetzt etwas für die Sprecherziehung von Anfang an die Bedeutung der Ausbildung von Stoßtrupprednern erkannt u. die Initiative dazu ergriffen hat. Mit unseren alten Methoden können wir da nicht mehr konkurrenzfähig bleiben. –
Am 20.X. (Sonntag) waren wir von unserm Alten Herrn Pfarrer Estermann nach Graurheindorf eingeladen. Es war sehr nett. –
Am 18.X. jährte sich der Tag meiner Entlassung aus dem RAD, zugleich „Jahrgedächtnis“ meines Studiumbeginns. Was ich in diesem 1. Jahr meines Studiums gelernt habe, ist viel, und ich danke Gott, daß er mir bis jetzt geholfen hat. –
Am 24.X. werde ich das Vergnügen haben, mit Prof. Neuß im Universitätsgebäude Nachwache zu halten. Prof. Dr. Neuß ist mein Lehrer in Kirchengeschichte u. Kunst. Ich bin mal gespannt, was das gibt. – Am Wirtschaftsamt erhielt ich auf meinen Antrag die Antwort, ich müsse auf die Schuhe noch bis November warten. –
Was den Fliegeralarm angeht, so haben wir es nicht besser als ihr. Samstag vor 8 Tagen heulten die Sirenen mitten in den Abendvortrag unseres Chefs hinein, daß wir die Kapelle verlassen mußten, und am Sonntag mußten wir die Komplet abbrechen. Wie wird das erst im Winter werden, wenn es schon um 5 Uhr dunkel wird? Dann können wir uns gleich das Abendessen mit in den Keller nehmen.
Übrigens werde ich das Philosophikum schon Anfang Dezember machen. Die Ferien werden am 15.XII. beginnen. –
Ich hoffe, Euch alle froh u. gesund anzutreffen, wenn ich Allerheiligen nach Haus komme. Bis dahin grüßt
Euch herzlich
Euer Gisbert
Nb. Jetzt sind wieder eine Anzahl unserer Soldaten zurückgekommen, um ihr Studium wieder aufnehmen zu können. Es handelt sich um solche, die in zwei Semestern zum Abschlußexamen kommen können. So ist unsere „Belegschaft“ von 80 auf 100 gestiegen. Da ich zu den Glücklichen gehörte, die im Haus die besten Zimmer bewohnen (renoviert, zum Garten hinaus), mußte ich auch das Pech dieser Glücklichen teilen, nämlich auf einen schlechteren Bau umziehen, um den zurückkommenden achten Semestern Platz zu machen. –
Vorige Woche Dienstag sangen wir zum ersten Mal die Komplet deutsch. Stellt Euch das einmal vor, in einem Theologenkonvikt wird ein Teil der