Gisbert Kranz an seine Familie, 26. Oktober 1940

Bonn, den 26.X.1940.

Meine Lieben!

Mutters Karte habe ich erhalten. Ich sage vielen Dank dafür, vor allem aber für den Kuchen u. die Pfefferminze, die sie mir auf dem Bahnsteig aus dem Abteilfenster herausgereicht hat.

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag habe ich mit Prof. Neuß die Nachtwache in der Uni gehalten. Davon muß ich Euch nächste Woche erzählen, wenn ich zu Hause bin, ebenso von dem Requiem unserer Fakultät für Prof. Dölger in St. Remigius, woran der Kardinal teilnahm (er verrichtete nachher die absolutio ad tumbam) u. wobei ich als Minister de aqua benedicta fungierte, d. h. ich hielt den Weihwasserkessel mit dem Aspergill.

Von meinem Semestersenior bin ich auf Säbel gefordert worden. Das Duell fand vor einer Stunde im Garten unseres Hauses statt unter lebhafter Beteiligung der andern Kommilitionen. Der Kampf mußte nach drei Minuten abgebrochen werden, da die Klinge meines Kontrahenten zerbrach (!). Da hatten die Sekundaten u. das Publikum das Nachsehn. Mein Gegner u. ich sind heil geblieben. –

In meinem letzten Brief berichtete ich von dem Tode Ehrhards. In der neuen Weltwarte könnt ihr Bilder von dem Requiem (mit Pontifikalassistenz) u. dem Begräbnis sehen. Ich bin Gottseidank nicht mit drauf-

gekommen, da ich den Fotografen noch rechtzeitig bemerkte u. mich aus dem Staube machte. –

Ich schicke die Seifenkarte, damit Mutter die Seifenpulverabschnitte verwertet, eh’ sie verfallen. –

Morgen fahren wir Essener nach Remagen. –

Von Wesseling bekam ich jetzt endlich Bescheid. Das Geld muß ich mir natürlich schießen. Aber mit welchen Gründen mein Gesuch abgelehnt worden ist, das ist interessant. Ich bringe das lange Antwortschreiben Allerheiligen mit. – Einen Bezugsschein für Schuhe jetzt schon zu bekommen, ist nicht möglich. – Bestellt mir bitte für Samstag, 2.XI. eine Karte (Sperrsitz) für das Schauspielhaus (Shaw, Die hl. Johanna, Beginn 17 Uhr) und eine Karte (2. Rang Vorderreihen) für das Opernhaus (Sonntag 3.XI., Beginn 18 Uhr, Ende 20 ¾) (Lehàr, Zarewitsch). Ich habe mich für beide Abende mit Freunden verabredet und bitte Vater, mir doch die Karten vorzubestellen, da nachher alles ausverkauft ist. Von den 4 Abenden, die ich zu Haus sein kann, muß ich dann 2 für die Musen opfern. Ich hoffe, Ihr werdet mir das erlauben u. Verständnis dafür haben, daß ich mir auf diese Weise Entspannung nach angestrengtem Studium verschaffe. Wer weiß, wie lange ich noch Gelegenheit habe, Musik zu hören u. Schauspiele zu sehen. –

Es grüßt Euch recht herzlich bis auf ein frohes Wiedersehen,

Euer Gisbert

 

2/11 Schauspielhaus Sperrsitz 17 Uhr