Gisbert Kranz an seine Familie, 26. November 1940

Bonn, den 26.XI.1940.

Meine Lieben!

Für Eure Karte vielen Dank.

Günther gratuliere ich herzl. zum Namenstag. –

Unsere Ferien beginnen, wie ich schon schrieb, am 14.XII. Nächste Woche um diese Zeit sitze ich im Schriftlichen. Die mündl. Prüfung ist in der letzten Woche des Semesters.

Vorigen Dienstag war ich in Haydns Schöpfung, das erste Mal, daß ich ein Oratorium hörte.

Das Wetter ist hier für die Jahreszeit noch verhältnismäßig warm, sodaß ich bis jetzt immer noch mit meinem Sommermantel ausgehe. Jeden Tag scheint die Sonne.

Morgen nachmittag fahre ich nach Siegburg mit der Innung, einen Alten Herrn zu besuchen. – Von Luftalarm werden wir hier wenig betroffen. Neulich kam er schon um ½ 8 abends, vor dem Essen. Vor 2 Wochen wurde verfügt, daß wir nach einer Nacht mit mehr als zweistündigem Alarm bis ½ 8 Uhr schlafen. Die erste Vorlesung in der Uni fällt dann aus (nur für uns Theologen). Das ist jedoch bis jetzt noch nicht eingetroffen.

Am Sonntag hatten wir zum erstenmal vormilitärische Ausbildung. Diese ist für alle Studenten Pflicht. Man sprach schon seit Wochen davon, doch – wie immer – kommt die Ausführung erst am Ende des Semesters. Wir sollen

jeden Sonntagmorgen 4 Stunden Dienst machen (Ordnungsübungen, d. i. Exerzieren, Schießlehre usw.). Den Dienst leitet die SA. Der erste Dienst letzten Sonntag war sehr gemütlich, die SA Führer alles ältere Männer, biedere Spießbürger in Uniform. Der Dienst war danach. Er begann mit Freiübungen. Nach anderthalb Stunde konnten wir bereits nach Hause gehen, davon hatten wir dreiviertelstunde alles in allem Pausen. Kommandieren können die Leute alle nicht. Es waren nur wir Theologen da, und die SA-Führer konnten ihr Erstaunen über unsere Haltung beim Exerzieren nicht verbergen; denn da wir durchweg im RAD waren, ist das alles für uns nichts Neues mehr. Ich bin gespannt, wie am nächsten Sonntag die Schießlehre aufgezogen wird. Ich bin überzeugt, daß jeder von uns den SA Führern in dieser Beziehung was vormachen kann.

Es grüßt Euch herzlich

Euer Gisbert