Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 3. Dezember 1940
Bonn, den 3.XII.1940.
Meine liebe Mutter!
Gerade habe ich die letzte von den acht schriftlichen Arbeiten zum Philosophikum abgegeben, und ich will Dir gleich für das liebe Paket danken, das Du mir als „Stärkung im Examen“ mit einem Gruß vom Nikolaus geschickt hast u. das ich heute mittag erhielt. –
Die Zensuren der schriftl. Arbeiten erfahren wir erst in der nächsten Woche, wenn unsere mündl. Prüfung vorbei ist. Doch kann ich wohl jetzt schon sagen, daß ich außer einer, die vielleicht 3 ist, alle Arbeiten mindestens 2 habe, obwohl es gewagt ist, sich selbst zu zensieren. Aber ich fühlte mich in jedem Stoff sehr sicher, schon vor dem Examen, und die Themen waren gut gestellt, sodaß ich überall viel schreiben konnte. Irgendwelche Bücher udgl. dürfen wir zur Arbeit nicht benutzen, wir sitzen alle zusammen in einem Hörsaal u. unter Aufsicht und müssen dann aus unserm Wissen binnen 1 ½ Stunde etwas zu Papier bringen. Bei den beiden ersten Arbeiten gestern vormittag (Archäologie u. Kirchengeschichte) war ich im Thema so zu Hause, daß ich mit fliegender Feder – ohne Unterbrechnung – mein Wissen auf das Wesentliche zusammengedrängt auf je 10 Seiten niederschrieb. Mein morgens frisch gefüllter Federhalter war mittags vollständig leer! Ähnlich war es bei den übrigen Arbeiten: Alttestamentl. Einleitung, Psychologie, Logik, Propädeutik u. Metaphysik. Nur in der Ethik kam ein Thema, auf das niemand gefaßt war u. worüber ich nur 2 Seiten schreiben konnte. –
Letzten Mittwoch waren wir (unsere Innung nämlich), wie ich schon vorher schrieb, zu einem Alten Herrn in Siegburg. Es war fein. Nachher machten wir einen Spaziergang nach Wolsdorf, wo ich mit unserm „Alten Herrn“ (Kapl. an St. Servatius) bei Dresen anschellte. Dresen ist dann mit uns gegangen u. hat nachher noch eine Kneipe mitgemacht.
Morgen feiern wir bei unserem Alten Herrn in Graurheindorf Nikolaus. –
Alfred Kirchhoff u. Flaps ist eingezogen. –
Schick mir bitte einen großen, leeren Koffer (als „Leergut“) da ich soviel nach Hause zu bringen habe, daß ich mit einem nicht auskomme. Ich verlaß mich darauf.
Ich hoffe Dich nächste Woche gesund u. froh wieder zu sehn.
Es grüßt Dich u. die andern Lieben herzlich
Dein Gisbert
cand. theol. in spe.
Das ist Prof. Andres, unser Metaphysiker. Die Karikatur löste bei meinen Kommilitonen große Heiterkeit aus.
b. w.!
Man achte auf den hohen Kragen (nach Natur!)
Eon relativa ... [.?.] absolutum