Gisbert Kranz an seine Familie, 27. Januar 1941
Bonn, den 27.I.1941.
Meine Lieben!
Für Mutters Karte, ganz besonders für Mutters Paket danke ich recht herzlich. Die Äpfel u. Kekspackungen sind mehr sehr willkommen. Auch daß Du noch eine Garnitur Wäsche mehr mitgeschickt, ist gut. Ich danke für alles. Ich bekam erst heute das Paket, und da Dein Brief, Mutter, nicht datiert war, wußte ich nicht, wie lange der Karton unterwegs war. Ich will sofort die schmutzige Wäsche und noch einigen anderen Ballast schicken. Die Bettwäsche habe ich erst 14 Tage in Gebrauch u. tut es noch. Ich glaube, der Karton wird auch ohne sie voll genug. –
Du vermißtest in meinem letzten Paket ein paar Zeilen, liebe Mutter, und auch die letzten Tage hättest Du sicher gerne etwas von mir gehört. Aber ich habe gleich Deinen Wunsch, die Zeit noch gut zum Studium auszunutzen „vor der gewiß mehrjährigen Pause“ sofort ausgeführt, das heißt, ich war schon „dran, am ausführen“! Und zwar arbeitete ich mit einer Energie u. Konzentration, wie ich schon lange nicht mehr getan habe, und ich arbeite auch jetzt noch mit erhöhtem Tempo. Ich sehe Vater schon lachen u. sagen: Was redet der
von Arbeit, führt ein faules Studentenleben u. spricht von Arbeit! Fehlgeschossen! Ich bin dies Jahr noch nicht in Bonn ins Kino gegangen und arbeite von morgens früh bis in die Nacht hinein, nur von den Essenszeiten unterbrochen, durchschnittl. 12 Stunden am Tag. In den ersten zehn Tagen – ich fing sofort nach meiner Ankunft an und war kaum zwei Stunden hier, als ich schon an der Universitätsbibliothek mir einen Stoß Bücher holte – in den ersten 10 Tagen hatte ich bereits 15 Bände, mehr oder weniger umfangreiche Werke, durchgearbeitet. Als ich das einem Konsemester gelegentlich sagte, mußte er sich auf meinen Stuhl setzen u. wollte es mir nicht glauben. Ich habe ihm aber gleich erklärt, daß ich diese Arbeit deshalb in so kurzer Frist bewältigen konnte, weil ich die meisten dieser Werke bereits vor einem halben Jahr gelesen hatte. Darauf wurden seine Augen noch um eine Idee größer. Es handelt sich übrigens um Werke, wissenschaftliche Untersuchungen über Dostojewski, nicht von ihm. –
Jetzt bin ich daran, ein Buch über Dost. zu schreiben, das bei kleinem Druck u. gr 8° Format voraussichtl. 250 Seiten Umfang haben wird. Etwa ein Viertel des Manuskriptes liegt bereits fertig vor mir, fertig – natürlich abgesehen von einigen kl. Änderungen, die nach Abschluß des Ganzen noch getroffen werden. Ich stehe übrigens in Korrespondenz mit einem bekannten Dostojewski-Interpreten, der zwei Werke
über den Kassen] herausgegeben hat, Dr. Kampmann, den ich von Paderborn her persönl. kenne. Er hat mir auf meinen ersten Brief, worin ich ihm meinen Plan mitteilte, sehr wertvolle Anregungen gegeben. – Daß ich in den Ferien sofort nach meinem Philosophikum mich so intensiv mit Dostojewski abgab u. so eifrig schrieb, könnt ihr jetzt verstehen. Es waren die Vorarbeiten zu meinem Werk. –
In unserm Kasten weiß niemand von meiner Arbeit, außer meinen wenigen Bundesbrüdern. Die einen davon halten mich für komplett verrückt (vor allem deshalb, weil ich vor der drohenden Einberufung so etwas unternehme), die andern können Ihre Hochachtung vor mir nicht verbergen. Dabei bilde ich mir keineswegs etwas auf mein Wissen ein, denn soviel weiß ich garnicht, daß ich stolz darauf sein könnte. Aber die Zähigkeit, sämtliche Werke Dostojewskis – zum Teil zweimal – zu lesen u. obendrein die ganze Literatur darüber durchzuarbeiten, die „Arbeitswut“, das imponiert. Es ist, soweit Verstand dazu erforderlich ist, für andere vielleicht leichter, eine solche Arbeit zu unternehmen. Aber den meisten fehlt der Mut u. das Selbstvertrauen, so etwas überhaupt zu beginnen, und anderen, die begonnen haben, fehlt es an Zähigkeit u. Konzentration. – Ich habe Euch schon früher davon geschrieben, daß man (diese „man“ sind unmaßgebliche Leute. Nicht der Chef od. Vorstand!) meine „Arbeits-
wut“ – wie man es nannte – nicht verstehen konnte. Ich habe seit Obertertia – Ihr entsinnt Euch noch des Weihnachtszeugnisses? – erkannt, daß man nur etwas leistet u. etwas erreicht, wenn man konzentriert arbeitet. (Damals bin ich von einer 4 im Latein binnen eines Tertials zum Klassenprimus in Latein aufgestiegen – nur durch Arbeit.) Man muß sich auch etwas zutrauen. – Ich glaube, ich habe jetzt viel Unsinn geschrieben, sodaß auch Ihr das nicht verstehen könnt. Ich wollte eigentlich Vater zeigen, was für mich „Arbeit“ heißt: Ich habe im Arbeitsdienst die Erfahrung gemacht, daß körperliche Arbeit nicht so anstrengend ist wie konzentrierte geistige Arbeit. Beweis: Wenn ich zwei Minuten vor Zapfenstreich in die Falle kroch, hörte ich vom Hornsignal schon nichts mehr: Ich war sofort eingeschlafen. Jetzt aber fällt mir das Schlafen schwer. Die konzentrierte Denktätigkeit am Tag macht einen physisch müde. Aber der Verstand arbeitet rastlos weiter, ob man will oder nicht. Dazu kommt die sitzende Lebensweise... Pausen, Spazierengehen? Ja, so oft ich kann, aber Dostojewski läßt einem nicht viel Zeit dazu übrig. Seine „verdammten, ewigen, metaphysischen Fragen“ lassen einem tagsüber keine Ruhe u. jagen nachts noch in tollem Wirbel durch den Kopf. Und ich habe mir ausgerechnet das „tollste“ Problem ausgesucht, was es gibt: Die Willensfreiheit, eine Sache, die nach zweitausend Jahren Philosophie u. Moraltheologie noch nicht gelöst ist. Und solange man
nicht irgendeine Antwort findet, läßt einen die Frage nicht los. Nietzsche sagt im Zarathusta: „Man muß zehn Wahrheiten am Tage gefunden haben, sonst findet man nachts keinen Schlaf.“ Das habe ich erfahren. Und man macht dann lieber Nachtschicht, als daß man sich unter die Bettdecke legt und sich stundenlang von der einen auf die andere Seite wälzt. – Ich glaube, Ihr habt nun eine Vorstellung von meiner Arbeit bekommen.
Übrigens – und das ist die Hauptsache (es wundert mich, daß ich nicht gleich zu Anfang davon geschrieben habe) – ich habe Freitag meinen Gestellungsbefehl bekommen - , und ich habe mich riesig darüber gefreut - , nein, natürlich nicht über den Gestellungsbefehl, sondern... kurz ich habe ihn gestern wieder zurückgeschickt, besser gesagt: zurückschicken müssen. – Die Geschichte ist diese. Unser vielbewährter Dekan der Fakultät – ich erzählte [.?.] schon von ihm – hat für unser Prüfungssemester ein Rückstellungsgesuch an das WBK gerichtet. Bevor das aber ankam, hatten einige von uns – darunter ich auch – schon ihren Wisch bekommen. Diese bekamen zwei Tage darauf Bescheid von der Zurücknahme des Gestellungsbefehls. Ich bin jetzt also bis April gesichert! Ihr könnt Euch vorstellen, was das für mich bedeutet! Wäre ich laut Gestellungsbefehl zum 6.II. nach Linz a. d. Donau zur Infanterie (Linz ist schön – aber Infanterie: Sch...)
eingezogen worden, hätte ich meine Arbeit nicht mehr vollenden können. Wenn ich aber jetzt weiterarbeite, kann ich zu meinem Namenstag, alles in allem einschließlich der Reinschrift auf der Schreibmaschine), fertig sein. Dann habe ich noch 5 Wochen Zeit, etwas für die Prüfung zu tun. Es ist nur eine mündliche in zwei Fächern – als Abschluß des Philosophikums. Welch riesige Freude ich fühle, könnt Ihr Euch denken, und ich glaube Ihr freut Euch mit mir.
Übrigens werde ich jetzt auch meinen Namenstag hier in Ruhe – das heißt ohne die Angst, eingezogen zu werden – feiern können, und ich werde es ordentlich tun, darauf könnt Ihr Euch verlassen! –
Schickt mir beizeiten einen Kuchen!
Ich habe eine Freude, Ihr glaubt es kaum. Und Dir, Mutter, will ich andeuten, daß die Sache von voriges Jahr (den Brief hast Du für Dich behalten) sich beruhigt hat.
Ich habe meine Arbeit nun eine Stunde unterbrochen, um mit fliegender Feder Euch zu danken, und die Neuigkeiten mitzuteilen. Ich muß jetzt aber Schluß machen.
Ich grüße Euch alle recht herzlich, vor allem Mutter
Euer Gisbert
Nb. In unserm Kasten ist jetzt eine bunt gewürfelte Gesellschaft zusammen: Kölner u. Aachener Theologen, Soldatenurlauber, davon ein Leutnant,
fünf Trierer Diakone, die abwechselnd Zivil und Soldatenrock tragen u. Sonntags in Dalmatik und Tunicella beim feierl. Levitenamt dienen, und schließlich ein Frater aus Maria Laach, von den Soldaten, die im Flügel nebenan in Quartier liegen, garnicht zu reden.
Übrigens schicke ich Euch meine Karten. Ich brauche sie hier nicht.
Nochmals viele Grüße G.
Dieser Brief reicht für die nächsten 14 Tage.
Ich muß nochmal anfangen, denn gerade habe ich Euern Sonntagsbrief bekommen, für den ich danke. Es scheint Euch also allen gut zu gehn; das freut mich. Und Alarm war in Steele wohl auch nicht mehr, genau so wie hier in diesen 14 Tagen, außer einem Mal.
Ich wünsche Euch alles Gute. Euer G.
Nb. Die Uhr (Wecker) ist wieder kaputt. Ich schicke sie mit.
Kann ich mir selbst besorgen.