Gisbert Kranz an seine Familie, 13. März 1941

Hamm, 13.III.1941.

Meine Lieben!

Nun bin ich schon 4 Tage Soldat und habe mich mit meinem neuen Milieu bereits vertraut gemacht. Ich fühle mich sehr wohl und bin froh, mit guten Kameraden zuammenzusein.

Als ich mich in Bonn zum Gestellungsort begeben hatte und uns das Nötige gesagt und die Reiseverpflegung ausgehändigt worden war, bekamen wir noch mal 1 ½ Stunde Stadturlaub bis neun Uhr, sodaß ich noch im Kasten zu Abendessen konnte. Nach 9 Uhr war im Dreikaisersaal bis 11 Uhr „gemütliches Beisammensein“ mit Tanz u. Musik, Soldaten und Angehörige. Wir waren am Tisch unser 10 Theologen, die einberufen wurden. Nachdem wir die kurze Nacht auf primitivem Strohlager mit großem Spektakel verbracht hatten, zogen wir am andern Morgen um 8 Uhr, just als unsere Kommilitonen zur Uni gingen (wir begegneten ihnen auf dem Wege) zum Bahnhof, wo unsere Gruppe von 20 Mann in den Zug nach Köln stieg. Hier kurzer Stadtbummel, dann weiter nach Hamm, wo wir um 4 Uhr eintrafen.

Wenn ich an unsern Empfang in der Infanterie-Kaserne zurückdenke, so drängt sich mir unwillkürlich der Vergleich mit dem Empfang im RAD vor zwei Jahre auf. Von Schikane und Strietzerei ist hier nicht eine Spur. Hier geht alles praktisch, zweckmäßig, und was getan werden muß, wird ge-

tan, aber ohne Umstände und ohne überflüssige Schikane. Die Behandlung ist hier wirklich gut. Ein großer Unterschied zum RAD besteht – soweit ich jetzt sehe – auch darin, daß man hier mit viel geringerem Zeitaufwand und doch ohne Hast viel mehr leistet, als im RAD. Überhaupt hat man hier bedeutend mehr Freizeit, und wenn Freizeit ist, dann hat man aber auch wirklich seine Zeit für sich, und die Freizeit wird nicht – wie im AD – mit Putzen, Kartoffelschälen, Namenschildereinnähen usw. „gestaltet“. Es ist auch klar, daß es sich in einer modernen Kaserne – wie die unsrige – viel zivilisierter leben läßt als in Baracken.

Mit meinen Vorgesetzten kann ich zufrieden sein. Mein Stubenältester ist Einjähriger u. ein feiner Kerl. Die übrigen Kameraden auf meiner Stube sind alle Westfalen, meist Katholiken, ordentliche Kerls. Hier wird lange nicht soviel geschweinigelt wie im RAD auf meinem Trupp, bis jetzt so gut wie garnicht. Wir drei Theologen liegen auf verschiedenen Stuben, aber alle auf demselben Flur im gleichen Zug.

Was die Verpflegung angeht, so ist – nach meinen bisherigen Erfahrungen zu urteilen – zu sagen, daß sie besser als im RAD u. auch als im Leoninum ist. Wir bekommen reichlich Butter u. Wurst bei 4 Mahlzeiten am Tag. Man hat auch Zeit genug zum Essen, mittags allein 2 Stunden. Übrigens stellte sich heute morgen bei der ärztl. Untersuchung heraus, daß ich jetzt noch weniger wiege, als zu Beginn des RAD: 58,5 kl. Ich futtere jetzt doppelt soviel als bisher u. hoffe, bald wieder normales Gewicht zu bekommen.

Übrigens bin ich k.v. geschrieben worden. –

Um 6 Uhr morgens ist Wecken und um 10 Uhr abends Zapfenstreich. Also die gleiche Lebensweise wie bisher, nur daß ich mindestens 1 Stunde früher als sonst zu Bett komme.

Samstag haben wir bereits Vereidigung, und Samstag nachmittag u. Sonntag werden wir ausgeführt zum ersten Ausgang. In acht Wochen wird unsere Ausbildung vollendet sein.

Schickt mir bitte als Feldpostpäckchen (unfrankiert) 1 Waschlappen, 10 meter schwarzes Garn (nicht mehr!), 2 Nähnadeln, ein paar Hosen- u. Hemdknöpfe. ferner 30 Bogen kariertes Schreibpapier, so wie dieses (1 Bogen = 4 Seiten). Lebensmittel braucht Ihr mir nicht zu schicken. 1 Fläschchen Füllhaltertinte (hab ich ganz vergessen), ein paar meter Klebpapier, 2 Paar Strümpfe. Am besten trage ich nur eigene Strümpfe, die ich zu Hause waschen laß. Das ist in mancher Hinsicht günstiger, als wenn ich sie selbst wasche. Das Schicken kostet ja nichts.

Gleich haben wir Sport.

Ich grüße Euch vielmals u. herzlich

Euer Gisbert