Gisbert Kranz an seine Familie, 20. Mai 1941

Hamm, den 20.V.41.

Meine Lieben!

Für Mutters langen lieben Brief herzl. Dank.

Sonntag hatten wir wieder gemeinsamen Gottesdienst. Die Teilnahme war wieder gut. Der Standortpfarrer war erfreut, vor Beginn des Opfers einen Kontheologen u. mich als Ministranten und einen andern Soldaten als Organist unaufgefordert in der Sakristei bereit zu finden. – Nachmittags sahen wir Theologen uns den Krüger-Film an, der großartig ist, vor allem in der von Jannings verkörperten Gestalt des Burenpräsidenten. Die Tendenz gegen England war allerdings an einigen Stellen (z. B. im Dialog Chamberlains mit Kaiserin Viktoria) zu dick aufgetragen. Nachher trafen wir uns zu 12 Mann, davon 6 Bonner Theologen (2 hatten uns von andern Garnisonen besucht), im Gesellenhaus, wo wir wieder vorzüglich zu Abend aßen. Vier Waffengattungen waren vertreten. Die Schwestern haben uns seit einigen Wochen zu diesem traditionellen Sonntagsabendessen ein besonderes Zimmer zur Verfügung gestellt. –

Vor 14 Tagen habe ich mir mal meine Zähne untersuchen lassen. Ich habe zwei Plomben bekommen. Es kostete ja nichts, und ich bekam drei dienstfreie Nachmittage (zum Besuch des Arztes) und meine Zähne in Ordnung. –

Dr. Steinbrink, dem ich mein Manuskript für die KZ mit der Bitte um Kritik und Rat bezügl.

der Veröffentlichung übersandt hatte, schrieb mir heute zurück. Ich lege seinen Brief bei, da er Euch gewiß interessieren wird. Man scheint es wohl heute nicht mehr wagen zu können, unserm Volke, selbst seinen gebildeten Schichten, feste Speise vorzusetzen. Es ist eben zu viel Leichtes gewohnt. Am Niveau unserer heutigen Alltagsliteratur kann man es merken. Allzu kompakte geistige Speise kann man nicht mehr verdauen; die verantwortlichen Leute wissen das und sorgen durch Bücher- und Zeitungsverbote dafür. Das sind dieselben Mächte, die auch u. a. das Benediktinerkloster auf dem Michaelsberg (Siegburg) u. (siehe beiliegende Karte!) neuerdings das Priesterseminar in Bensberg aufgehoben haben.

Ich will mich auf den Vorschlag Dr. St.s hin an Aug. Böhmer wenden. Sollte er keinen Rat wissen, den Artikel in dieser Form einer Zeitschrift anzubieten, so werde ich mich an einem Abend in ein stilles Kaffee zurückziehen und einen neuen Wurf versuchen, in dem ich meine Ausführungen etwas popularisieren werde. Herauskommen muß der Aufsatz, so oder so. Denn die Sache liegt mir sehr am Herzen.

Diesen Brief habe ich mit mehrstündigen Unterbrechungen geschrieben. Inzwischen erhielt ich Mutters liebes Päckchen. Ich bedanke mich sehr dafür, vor allem für die Zigaretten. Auch die Wurst, Senf u. Kuchen sind mir sehr willkommen.

Vorige Woche hatten wir einen Nachtmarsch von 35 km mit schwerem Gepäck gemacht. Morgen marschieren wir 25 km, davon zwei Stunden mit aufgesetzter Gasmaske.

Ob ich Pfingsten Urlaub bekomme, ist sehr in Frage gestellt. Augenblicklich ist wieder Urlaubssperre.

Unsere Ausbildung ist abgeschlossen. Doch müssen wir noch auf unsere Besichtigung warten. Dann wartet auf uns die „Front“, auf mich vielleicht ein Kursus in Wuppertal.

Von meinem Leibfuchsen erhielt ich kürzlich einen 4 seitigen Bericht über die neuen Verhältnisse in Bonn. Im Kasten sind nurmehr noch 36 Mann, davon 9 erste Semester. Die Alumnen des Priesterseminars hängen augenblicklich in der Luft, nachdem sie von Altenberg ausgewiesen wurden und Bensberg aufgehoben ist.

Ich würde mich riesig freuen, wenn ich Pfingsten kommen könnte. Doch hoffen dürfen wir darauf nicht.

Ich grüße Euch, bes. Mutter, herzlich

Euer dankbarer

Gisbert