Gisbert Kranz an seine Familie, 27. Mai 1941
Hamm, den 27.V.41.
Meine Lieben!
Für Mutters Brief meinen herzl. Dank.
Wie ich Euch schon schrieb, wird auf Pfingsturlaub nicht zu rechnen sein. Euer Vorhaben mich Pfingstmontag besuchen zu kommen, freut mich, doch muß ich Euch bitten, davon Abstand zu nehmen, da wir Pfingstmontagnachmittag auf einer Veranstaltung singen, ich Euch also nicht erwarten kann. Pfingstsonntag wird sich nicht empfehlen. Ich bitte Euch noch solange auf meinen Besuch zu warten, bis ich nach Wuppertal komme. Das ist – wie ich jetzt weiß – am 9.VI. In der Ula (Unterführerlehrabteilung) weht zwar ein scharfer Wind und wird strammer Dienst gemacht, doch ist man mit Urlaub dort großzügig. So werde ich nach dem 9.VI. bei der kurzen Entfernung jeden Sonntag nach Hause fahren können, wenigstens alle paar Wochen mal. Wie ich schon schrieb, dauert der Lehrgang 9 Woche.
Nun will ich Euch einiges von meiner KOB-Prüfung erzählen. Gestern morgen beganns mit einer schriftl. Prüfung. Es wurden vier Arbeiten verlangt, zu denen wir je 20 Minuten Zeit hatten. Die erste Arbeit war ein Begriffsthema: Angst u. Feigheit; Mut u. Tapferkeit. Das Erste oder das Zweite sollte in möglichst wenigen Sätzen knapp u. erschöpfend definiert
werden. Zweite Arbeit: Bildaufsatz. Aus zehn Postkartenreproduktionen von Gemälden waren drei auszusuchen, die besonders gefielen. Eins von den dreien war zu beschreiben. Dritte Arbeit: Erklärung einer techn. Zeichnung. Vierte Arbeit: Frage: „Was würden Sie tun wenn Ihnen unbeschränkte Mittel (etwa 20 000 000 Mark) zur Verfügung stünden?“ Auf diese Frage schrieb ich:
„Würde mir plötzlich ein fantastisches Vermögen in den Schoß fallen, so würde ich den Wunsch haben, den ein kunstliebender Renaissancepapst äußerte und später, als er die Mittel hatte, ausführte: Bücher kaufen und bauen. – Da ich aber (aller Wahrscheinlichkeit nach) niemals ein solches Vermögen gewinnen werde, muß ich mich darauf beschränken, meinen Wunsch mit den bescheidenen Mitteln, die ich habe, in den möglichen Grenzen durchzuführen.“ – Nach der schriftlichen Prüfung fand „Prüfung des Lebenslaufes“ statt. Jeder KOB wurde einzeln vor dem Prüfungsausschuß (ein Psychologe in Zivil, zwei Regierungsräte in Majorsrang und ein Hauptmann) gerufen, wo er über sein Vorleben, Erziehung, Eltern u. Vorfahren, Ausbildung, Beruf und Zukunftspläne u. a. zu berichten hatte. Danach wurde geprüft, ob man eine gute Kommandostimme hat.
Nachmittags stieg die sportl. Prüfung. Verlangt wurden Übungen am Barren, Reck, Pferd und ein Ringkampf, meist Mut u. Kraftproben.
Die Übungen habe ich alle gut bestanden, ich war einer der besten Turner. Schließlich mußte jeder noch einen Vortrag über ein frei gewähltes Thema halten, etwa eine Viertelstunde. Die andern KOBs hörten dabei zu u. sollten vom Vortragenden durch Fragen zur Diskussion aufgerufen werden. – Heute morgen wurde jeder noch mal einzeln vorgeholt zu einer Aussprache unter 4 Augen.
Mich nahm ein Regierungsrat vor, der wie sich herausstellte, alter Pg. war. Er fragte mich auch danach, wie ich mir meinen Beruf und meine weltanschauliche Haltung zum Staat vorstellte. Daraus entwickelte sich eine einstündige Diskussion, die damit endete, daß der Regierungsrat sagte, er brauchte bei mir wohl keine negative Einstellung zum Staat zu befürchten. Ich versicherte ihm, in dieser Beziehung könne er vollkommen beruhigt sein. Übrigens war er ein sehr gebildeter u. höflicher Herr, der aber – von Haus aus Protestant – trotz Bekanntschaft mit bedeutenden katholischen Persönlichkeiten, deren er sich rühmte, den Katholizismus sehr fremd gegenüberstand. Er wußte mir auf meine Frage nicht einmal zu sagen, worin das Wesen des Nationalsozialismus besteht. –
Gerade erhalte ich die Nachricht vom Tode Willi Wessendorfs, der mit 19 ½ Jahren sein junges Leben in die Hände seines Schöpfers zurückgab. –
Der Fall Heß war naturgemäß Tagesgespräch bei uns. Doch wird heute nicht mehr darüber gesprochen, und die Siegesgewißheit unserer Soldaten ist dadurch keineswegs beeinträchtigt worden. Von Spottliedern ist mir nichts bekannt.
Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben.
Es grüßt Euch herzlich
Euer Gisbert