Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 6. Juli 1941

W’tal-Elberfeld, den 6.VII.41.

Meine liebe Mutter!

Deinen Brief aus Lüdinghausen habe ich erhalten und danke ich Dir sehr dafür. Hoffentlich erholst Du Dich gut.

Wir sind, wie Du siehst, immer noch in Elberfeld. Wahrscheinlich sind wir auch nächsten Sonntag noch hier. Ich hoffe, dann nochmal kurz nach Hause zu kommen.

Die Hälfte unseres Lehrgangs haben wir nun hinter uns. Bald feiern wir „Bergfest“. Der Dienst wird immer strammer und spannt uns jetzt kolossal an, da man fürchtet, der Umzug nach Lingen würde unserer Disziplin schaden.

Anbei einige Fotos, die Dir einen interessanten Ausschnitt aus unserem Dienst zeigen.

Heute ist ein herrlicher Sonntag. Am Morgen sind wir zur Stadt hinuntergefahren, um zur Kirche zu gehen. Überall frohe Menschen, wandernde junge Mädchen mit frohen Liedern auf den Lippen und leuchtende Sonne, daß einem das Herz ordentlich froh wurde.

Und dann gingen wir in die Messe, um uns für eine Stunde einmal vom Dienst der Woche beim Herrn auszuruhen und uns Kraft zu holen für die nächste Woche, wir fünf Soldaten. Nach dem Evangelium hörten

wir das Wort der deutschen Bischöfe, die voll Ernst und mit Nachdruck auf die Entmündigung der Kirche und die Säkularisation des öffentl. Lebens hinwiesen. Über den äußeren Kampf unseres Volkes geht die geistige Auseinandersetzung weiter. Man hat den bolschewistischen Atheismus u. Kollektivismus zur Tür hinausgeworfen und holt ihn insgeheim durch eine Hintertür wieder herein. Und das Volk merkt nicht, wie es um seine heiligsten Güter betrogen wird. Soll es uns so ergehen wie Rußland?

Es nimmt nicht wunder, daß man heute in Deutschland den christlichsten Geist, den Rußland hervorgebracht hat, Dostojewski, zum geistigen Urheber u. Kronzeugen des Bolschewismus macht, wie es in dem beigefügten Leitartikel der Rheinischen Landeszeitung vom 6.VII. geschieht. Einen größeren Unsinn kann man über Dost. nicht schreiben, als es hier geschieht. Dost. ist der leidenschaftlichste Antinihilist und Antibolschewist; gerade er wollte sein Volk vor dieser Gefahr retten. Gerade er verteidigte Freiheit, Persönlichkeit u. Würde des Menschen gegen Sozialismus u. Kollektivismus, wie ich in meiner Arbeit über die Freiheitsidee Dostojewskis ausführlich dargetan habe. Und wie lächerlich es ist, von einer „östl. Leidens- u. Unterwürfigkeitsidee“ in der Weltanschauung zu sprechen, habe ich in meinem im Februar dieses Jahres geschriebenen Essay ausgeführt.

In diesem Aufsatz wies ich auch auf den Gegensatz Dostojewskis zum Bolschewismus hin.

Ich wünsche gerade jetzt sehnlichst, daß mein Aufsatz veröffentlicht wird und warte brennend auf den Bescheid Dr. Joh. Martens. Am liebsten würde ich der Rhein. Landes-Zeitung einen „Offenen Brief“ an K. Rüdiger einsenden, doch einmal fehlt es mir an Zeit, einen solchen zu schreiben, und er würde auch gar nicht gedruckt, da man die Wahrheit nicht verträgt. –

Ich bitte Dich, den Artikel gut zu verwahren.

Nun grüße ich Dich herzlich u. küsse Dich

in Liebe

Dein Gisbert

Viele frdl. Grüße auch an Frau Stricker u. besonders an Fritz.

Nb. Tt. Alox schickte mir ein Paket mit Kuchen, Keks u. Zigaretten.