Gisbert Kranz an seine Familie, 20. Juli1941

Lingen, den 20.VII.41.

Meine Lieben!

Gestern hatte ich keine Zeit mehr, Euch von hier aus einige Zeilen zu schreiben, da wir noch viel zu tun hatten. Jetzt haben wir uns eingerichtet und unser neues Revier gereinigt. Wir wohnen in Baracken, die aber schöner und vor allem viel geräumiger sind, als die im RAD. Wir haben hier sogar noch viel mehr Raum als in unserer Kaserne. Unangenehm ist hier, daß wir Nacht für Nacht Alarm haben, während wir die letzten zehn Nächte in Wuppertal von feindl. Fliegern unbehelligt blieben.

Heute abend habe ich bis 24 Uhr Urlaub. Da will ich mir mal mit Jupp Breuer zusammen das Städtchen ansehen, das nicht groß, doch sehr reizvoll ist und eine Anzahl hübscher alter Häuser aufweist. –

Gestern erzählte mir Unteroffizier H. nähere Einzelheiten über die Aufhebung des Pallottinerklosters in Olpe. Es ist hier tatsächlich zu weitgehenden tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Gestapo u. Bevölkerung gekommen, die mehrere Tage anhielten. Es muß sehr toll zugegangen sein. Die empörte Bevölkerung habe sich zu lebhaften Demonstrationen und Sprechchören zusammengerottet. Das war vor vier Wochen; noch bis heute stehen die

Klostergebäude leer, ein Zeichen dafür, daß die Maßnahme der Aufhebung keine „Kriegsnotwendige“ war, sondern andere ziemlich klare Gründe hatte. Mündlich demnächst darüber mehr. –

Die restlichen Sachen schickt mir bitte an folgende Adresse:

Schtz. GK. Lingen (Emsland),

Walter Flex-Kaserne, Barackenlager 4 Ula 16.

Vergeßt bitte nicht, Marmelade u. Mutters Füllhalter (möglichst mit Tintenheber).

Es grüßt Euch herzlich

Euer Gisbert