Gisbert Kranz an seine Familie, 8. August 1941

Lingen, den 8. VIII.41.

Meine Lieben!

Es ist ja nun schade, daß mein Urlaub verschoben werden muß, doch werde ich ihn immerhin nachholen, und wie! Einstweilen müssen wir uns trösten, Ihr Euch mit dem Gedanken, daß ich doch noch mal komme, ich – daß es mir augenblicklich auch ohne Urlaub sehr gut geht.

Den ganzen Tag liebe ich im Bett, lese, schlafe und esse abwechselnd. Ein halbes Dutzend Bücher habe ich schon gelesen: P. Döstler, Gulbransson, Binding, Haluschka (Pfarrer von Lamotte) – alles erlesene Sachen. Zwei Bücher habe ich mir von Jupp Breuer kaufen lassen, damals als ich noch im Revier lag, wo es nichts zu lesen gab außer 20 Pf.-Romane.

Ich liege auf einem Zimmer mit vier Betten. Anfangs war nur noch eins außer dem meinigen belegt. Mein Kamerad entpuppte sich als Student und ehemaliger Neudeutscher. Ich verstehe mich glänzend mit ihm. Er ist Dolmetscher in einem Kriegsgefangenenlager, zusammen mit einem Contheologen aus Bonn. Die beiden andern Betten sind nun auch belegt mit Kerlen, mit denen man auskommen kann.

Die lang entbehrte Ruhe, der ausgiebige Schlaf, die geistige Betätigung und die katholische

Atmosphäre dieses Hauses – das alles tut mir nach den anstrengenden Wochen des Lehrgangs – der nunmehr aufgelöst ist – gut. Ich bedarf dringend der Ruhe. Es ist soweit mit mir gekommen, daß ich nicht einmal mehr einen vernünftigen Aufsatz schreiben kann. Vor vierzehn Tagen ließ unser Chef uns alle einen Aufsatz schreiben. In den drei Stunden, die uns zur Verfügung standen, brachte ich zwei-einhalb Kladdenseiten über das Thema zustande, die ich sogar zuerst ins Unreine schreiben mußte, da es sonst nicht ging. Und mein Gruppenleiter sagte mir nachher: Der Leutnant sei über meine Arbeit sehr enttäuscht gewesen. Ich hätte doch so glanzvoll in der psychologischen Prüfung abgeschnitten. Stell Dir das mal vor! Das hat in wenigen Monaten der Komiß aus mir gemacht. Es fällt mir heute schon schwer, einen vernünftigen Brief zu schreiben. Für den Urlaub nehme ich mir jetzt schon die Briefe Pascals und die Kriegsbriefe gefall. Stud. als Lektüre vor, um mal wieder Geist und Form zu atmen. –

Mittwoch nachmittag waren Frauen der NSFr hier, brachten Blumen, Kuchen, Zigaretten u. Bier ins Lazarett. Wir haben uns sehr darüber gefreut, nun auch einmal von den Segnungen zu spüren von denen unsere Presse immer schreibt.

Es grüßt Euch herzlich

Euer Gisbert

 

Das habe ich im Bett geschrieben; deshalb müßt Ihr die schiefe Schrift entschuldigen.