Gisbert Kranz an seine Familie, 22. August 1941

Rheine, den 22.VIII.41. Freitag.

Meine lieben Eltern! Liebe Brüder!

Aus sind die Hoffnungen auf den Erholungsurlaub, der gerade jetzt so schön geworden wäre. Mein Gesuch war, vom Stabsarzt unterschrieben, bereits bis zum Hauptmann gelangt, als ein plötzlicher Abstellungsbefehl für die ganze Kompanie seine Berücksichtigung u. Genehmigung unmöglich machte. Sämtliche Urlauber sind kurzfristig zurückgerufen worden. Augenblicklich werden wir vollständig neu eingekleidet. Montag wird es wohl schon losgehen – ob nach Rußland, Frankreich oder Griechenland, das weiß noch keiner von uns. Die Stimmung ist sehr gehoben; alle Leute sehnten sich schon lange danach, endlich aus dem immer einförmiger werdenden Dienst des „Ersatzhaufens“ heraus nach vorne zu kommen. Denn es gibt für den Soldaten auf die Dauer nichts Schrecklicheres als die Langeweile. Er muß dauernd in Bewegung sein, ständig beschäftigt werden, selbst wenn es ihm Strapazen, Wunden u. Tod bringt: das alles erträgt er lieber u. besser als die Langeweile. Solches las ich – ich glaube – bei Pascal. – Sonntag haben wir nochmal Standortgottesdienst. Dabei will ich Eurer aller

nochmal gedenken und mir Kraft holen für die Zukunft. Ich selbst bin froh, so schnell zur Front zu kommen, da das auch für mein Avancieren von Vorteil ist.

Meine überflüssigen Sachen schicke ich mit den schmutzigen Strümpfen u. Taschentüchern nach Hause. Ich verpacke alles in den Koffer, den ich noch hier habe. Für die „Feldpost der Heimat“ herzl. Dank.

Nun Gott befohlen und herzliche Grüße

Euch allen

Euer Gisbert

 

Liebe Mutter! Auf Umwegen erhielt ich erst jetzt Deinen Brief vom 14.VIII. Deine Liebe und Fürsorge danke ich Dir sehr. Ein Päckchen brauchst Du mir noch nicht zu schicken, da ich noch 5 Rollen Pfeffermünz habe.

Gruß u. Kuß

Dein Gisbert

Herzl. Grüße auch an T. Nettchen.