Gisbert Kranz an seine Familie, 11. September 1941
Im Osten, den 11.IX.41.
Meine Lieben!
Bei äußerst schlechtem Licht und unter primitivsten Umständen versuche ich, Euch diese Zeilen zu schreiben. Vorgestern sind wir von V. nach Winniza marschiert. Mit dem erhofften Ruhetag war es also noch nichts. Zu Beginn des Marsches glaubte ich, nicht mehr durchhalten zu können, doch mit den Anstrengungen wuchsen auch meine Kräfte. Die Sonne schien vom Himmel, und nachher marschierten wir durch eine reizvolle Landschaft auf einer guten, von dicken, schattigen Bäumen bestandenen Straße, die mich wieder ordentlich an Deutschland erinnerte. Hier kamen wir schnell vorwärts, wenn auch
die Sonne uns heiß ins Gesicht schien, sodaß wir gegen 3 Uhr unser Quartier hinter W. erreichten. Hier hatten wir zum erstenmal Stroh zur Verfügung. Allerdings war es sehr eng. Licht hatten wir hier, wie auch bisher, keins. Mit ein paar elenden Kerzenstümpchen mussten wir uns zurechtfinden. Um 7 Uhr wird es hier bereits dunkel.
Am nächsten Morgen regnete es in Strömen, sodaß wir unsern Marsch nicht fortsetzen konnten. Unser Kompanieführer überraschte uns mit der Nachricht, daß wir von jetzt an gefahren würden. Die elende Walzerei habe nun ein Ende. Vorerst blieben wir einige Tage in Ruhe. Doch wollten wir unser Quartier wechseln. –
So zogen wir denn um in eine andere Scheune, in der wir jetzt noch lie-
gen. Wann es weiter geht, ist unbestimmt. Es kann jeden Tag losgehen, wir können aber auch noch etliche Tage in Ruhequartier bleiben. Schön ist es hier nicht, wir liegen ziemlich eng, der Regen sickert durchs Dach, und wenn man den Fuß vor die Tür setzt, watet man in Schlamm. Dabei hat man hier nichts von dem, was einem früher das Leben angenehm machte, keine Bücher, kein Radio, keine Zeitung, kein Bier und augenblicklich nicht einmal etwas zum Rauchen. Das letzte Bier habe ich vor drei Tagen in W. getrunken in der Kantine einer alten russ. Kaserne. Dafür habe ich aber in einem unvorstellbaren Gedränge über eine Stunde warten müssen, bis ich endlich meine Gläser hatte. Jetzt spüre ich erst mal am eigenen Leib, was es heißt, „fernab jeglicher Kultur u. Zivilisation zu woh-
nen“, wie mir meine Freunde früher immer aus dem Felde schrieben. Daß es hier nicht auch noch Läuse und anderes Ungeziefer gibt, ist alles. Gottseidank, blieben wir bis jetzt davon verschont. Hätte ich nicht – durch Fahrten, Lager, Arbeitsdienst erzogen – frühzeitig gelernt, Entbehrungen zu ertragen und hätte ich nicht noch meinen alten frischen Mut und die Hoffnung, daß auch dies alles einmal ein Ende haben wird, so müßte ich verzagen, wenn ich dies elendige Dasein vergleiche mit den herrlichen Tagen, die ich in Paderborn und Bonn und vorher daheim bei Euch, Ihr Lieben, verbringen durfte. –
Ich grüße Euch vieltausendmal in der Hoffnung, Euch einmal gesund und froh wieder zu sehen
Euer Gisbert
Grüßt alle Freunde und Bekannten von mir. Ich habe keine Zeit, allen zu schreiben, so gerne ich es tun würde.