Gisbert Kranz an seine Familie, 16. September 1941

Ukraine

Dienstag, den 16.IX.41.

Meine Lieben!

Gestern haben wir unsere elende Scheune in W. verlassen u. nun haben wir bereits den zweiten Tag unserer neuen Fahrt hinter uns. Es geht mit LKWs, (Lastkraftwagen) an die Front. Das ist bei den schlechten russischen Straßen kein Vergnügen, aber lieber schlecht gefahren als gut gelaufen.

Die letzte Nacht hatten wir gutes Quartier in einem weitläufigen Dorf. Der Tag war überhaupt herrlich. Die Sonne schien extra für uns, und schnell gings an langen, staubbedeckten ungarischen und deutschen Kolonnen vorbei. Uns entgegen kamen lange Züge Gefangener – alles Bilder, wie wir sie aus der Film-Wochenschau kennen. Gegen 4 kamen wir an unser Tagesziel. Sobald wir uns einquartiert hatten, ging ich in einem großen, schönen

Weiher schwimmen. Es war übrigens das erstemal seit 14 Tagen, daß ich mal wieder die Kleider vom Leib bekam. Das Wasser war herrlich kalt und tat dem Körper gut. Nachher bin ich auf Suche nach Eiern gegangen. Doch waren bereits alle Häuser abgegrast. In einem Bauernhaus bekam ich aber ein komplettes Abendessen: Honigbutterbrote, dicke Milch, Gemüse, Tomaten. Die Leute waren sehr freundlich, und ich habe manches von ihnen erfahren können, obwohl ich kein Wort Russisch verstehe. Das Haus war übrigens, wie alle hier im Dorf, sehr sauber. Die Wohnstube war gut eingerichtet; an den Wänden hingen Ikonen. Ich fragte den Mann, ob er Bolschewist sei (natürlich durch Gesten usw.). Verneinend machte er das Kreuzzeichen. Darauf wies ich auf die Ikonen und ließ sie mir erklären. Als ich ihnen mein NT zeigte, holten sie auch ihre Bibel heraus und zeigten mir vor allem

die Bilder darin. Ein kleiner Junge brachte mir seine deutsche Schulgrammatik. Da ich sehr aufschlußreiche Aufsätze in deutscher Sprache (zum Übersetzen) politischen u. weltanschaulichen Inhalts darin fand, bat ich, das Buch mitnehmen zu dürfen, was mir gewährt wurde. Der Mann nahm das Buch und schlug eine Seite mit den Bildern Lenins u. Stalins auf, nahm ein Messer und stach den Bildern die Augen aus. – Was ich sonst noch Interessantes erlebte im Einzelnen zu schildern, würde zu weit führen. Ich war jedenfalls froh, bei den Bauern so gut gegessen zu haben, denn unsere Feldküche hatte sich festgefahren und konnte uns für diesen Tag nicht mit Essen versorgen.

Für heute Schluß, denn es wird Abend.

Frohen Gruß Euer

Gisbert