Gisbert Kranz an seine Familie, 21. September 1941
Dnjepropetrowsk
Ostfront, 21.IX.41.
Meine Lieben!
Nach mehrtägiger Fahrt auf LKWs durch die Ukraine über Kirowograd u. Kriwoj Rog, vorbei an herrlichen Sonnenblumenfeldern, von ungarischen u. italienischen Truppen begegnet, sind wir endlich an unser Ziel angekommen.
Das Bataillon trat an und wurde aufgeteilt auf die einzelnen Einheiten. Unser neuer Regimentskommandeur, Ritterkreuzträger Oberst v. G., begrüßte uns und erzählte uns einiges aus der Geschichte unseres ruhmreichen Regimentes. Unser Regiment hat den Brückenkopf von Dnjepropetrowsk gebildet und steht nun hier als der am weitesten vorgeschobene Truppenteil an der Ostfront.
Noch in der Nacht rückten wir nach vorne. Ich hatte es verstanden, wieder mit den alten, lieben Kameraden von
Hamm und von Elberfeld in eine Komp. zusammenzukommen, sodaß ich hier nicht allein bin. – Um 1 Uhr nachts wurden wir plötzlich unerwartet geweckt, die Zelte wurden abgebrochen und die notwendigsten Sachen, die man im Brotbeutel unterbringen konnte, wurden zusammengepackt. Dann gings mit LKWs nach Dnjepropetrowsk bzw. Jekaterinoslaw, von dem uns noch 15 km trennten. Unweit der Fähre über den Strom machten wir Halt u. stiegen aus. Über uns wölbte sich der klare Sternenhimmel. Es war zwar empfindlich kalt, doch wäre es sehr schön gewesen, wenn nicht die russische Artillerie, deren Donnern wir nun schon zwei Tage aus der Ferne gehört hatten, dauernd über unsere Köpfe weg gefunkt hätte, und wenn nicht um uns die Ruinen, der völlig zerstörten Großstadt gestanden hätten, bei Nacht
noch schreckhafter u. gespenstischer anzusehen als bei Tage. Zum ersten Mal hörten wir Granaten pfeifen. Außerdem machten Flieger die Situation noch ungemütlicher. Wir nahmen einstweilen volle Deckung, bis es ruhiger geworden war und wir die Überfahrt über den 1000 m breiten Dnjepr wagen konnten. Es war eine herrliche Fahrt, die ungestört verlief. Es war eisig kalt, Reif fiel, und die Sterne funkelten. Im Osten dämmerte schon der neue Tag herauf. Die Reste der gesprengten Dnjeprbrücke hoben sich scharf gegen den Himmel ab. Auf der andern Seite abgesetzt, marschierten wir gleich los. Es wurde sehr schnell hell, und bald schien die Sonne am blauen Himmel, Vögel zwitscherten in den Bäumen, es war ein schöner Septembertag, der sich nicht an Krieg störte. Die Artillerie wurde wieder lebhafter, zwischen den zerstörten Häusern
liefen sogar noch Zivilisten, Männer u. Frauen herum. Als wir an einem Fabrikgebäude verhielten, funkten einige Koffer[=?] in unmittelbarer Nähe ein, sodaß wir wieder volle Deckung nahmen. Wir sind garnicht mehr bis zur vorderen Linie gekommen, sondern wurden zurückgezogen und für einige Stunden in einen Unterstand inmitten völlig zerstörter Fabrikgebäude untergebracht. Die Stimmung der Leute war alles andere als gedrückt, ich selbst war die Ruhe selbst, ja die meisten waren sogar sehr lustig, obschon wir doch zum erstenmal in Artilleriefeuer lagen. Einer sagte plötzlich mitten in der lebhaftesten und fröhlichsten Unterhaltung: „Wir verhalten uns so, als ob wir der Gefahr uns garnicht bewußt sind.“ Lange hielten wir es im Unterstand nicht aus, sondern gingen auf „Erkundigungsfahrt“ in die benachbarten Fabrikge-
bäude. In einem anderen großen, modernen Bau, in dem auch ein Kino war, lag eine große Bibliothek. Als ich durch Kameraden davon hörte, bin ich gleich hingegangen und habe in den Büchern, die zum größten Teil zu hohen Haufen am Boden lagen, herumgewühlt. Ich hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, wenn ich russisch gekonnt hätte, doch verstehe ich jetzt wenigstens das russisch-kyrillische Alphabet, das ich mir mittlerweile angeeignet habe und dessen Verständnis für den der Griechisch kann, nicht sehr schwer ist. So fand ich außer vielem Propaganda-Material (Plakaten mit Fotomontagen usw.) eine zahlreiche Literatur über Lenin und Stalin, u. a. ein Buch von Molotow über Stalin. ([......]). Es war auch schöne Literatur vorhanden, Romane, auch
historische Werke und wissenschaftliche Kompendien u. Abhandlungen aller Art, aber nur in russischer Sprache. Ich nahm mir einen Bildband über Lenin und eine russische Übersetzung einiger Werke Heinrich Heines mit ([....]) wegen des alphabetischen Namenregisters, an dem ich die russische Schreibweise deutscher Eigennamen u. der Namen deutscher Philosophen u. Dichter des 19. Jh. studieren konnte. –
Am Nachmittag wurden wir umquartiert und kamen in Privatquartier. Das war gestern. Wir liegen vorläufig noch in Ruhe und harren der Dinge, die da kommen sollen. Heute, Sonntag, war es ziemlich ruhig, nur augenblicklich rückt russ. Artillerie wieder in unsere Gegend hinein.
Heute morgen begrüßte uns unser Leutnant, jeden einzelnen durch Hand-
schlag. Der ganze Ton, der hier herrscht, ist ausgesprochen kameradschaftlich. Dann hatten wir eine Stunde Exerzieren, ein Kilometer hinter der Stellung.
A. den 25.IX.41. (Alexandria)
Meine Lieben!
Vorgestern sind wir aus Dnjepropetrowsk zurückgezogen worden und nun, nachdem wir zwei Nächte in Privatquartier auf der westl. Seite des Dnjeprs verbracht hatten, mit LKWs 200 km nordwestlich nach hierhin gefahren. A. ist eine Stadt von rd. 50 000 Einwohnern, wo wir einige Zeit in Ruhe und zur Verfügung der Heeresgruppe bleiben. – Mit meinen neuen Kameraden verstehe ich mich gut, die Kameradschaft ist herzlich. Die alten Säcke haben schon Polen, Frankreich u.
Griechenland, dazu das Schlimmste in Rußland überstanden u. tragen zum größten Teil das EK. Sie sind froh, jetzt in wohlverdiente Ruhe zu kommen.
[Zeichnung]
Schickt mir bitte unbedingt Briefumschläge und auch Postkarten, damit ich auch meinen Freunden mal schreiben kann. Ich habe keinen einzigen Briefumschlag mehr und nur noch wenige Bogen Papier. Ferner brauche ich ein kleines russisches Wörterbuch für Soldaten. Es gibt so’n kleines Heft, für 20 Pf., worin das nötigste steht und dies nur in deutscher Schrift. So etwas brauche ich. Aber bitte keinen Langenscheidt! Ferner bitte ich um eine Taschenausgabe von Hölderlins Hyperion. Es ist da eine Sammlung erschienen, Klassiker in Westentaschenformat, eigens für Soldaten; ich weiß nicht mehr den Verlag, aber Karlheinz wird schon das richtige finden. Er kann auch die Ausga-
be aus Reclams Bücherei nehmen. – Im Voraus schon für alle Bemühungen meinen herzl. Dank. Auch Illustrierten sind sehr erwünscht. –
Hoffentlich habt Ihr meine Post bisher immer erhalten. Ich schickte Euch bisher meine Aufzeichnungen während des Transportes (insges. 40 Seiten), zwei Briefe und eine Karte.
Ich bin gespannt auf Eure ersten Briefe. Hoffentlich sind sie sehr ausführlich, denn ich habe schon jetzt 5 Wochen nichts mehr von Euch gehört, und die erste Post von Euch wird einen weiten Weg machen, bis sie endlich in meine Hände kommt. Hoffentlich seid Ihr noch gesund und wohlauf.