Gisbert Kranz an seine Familie, 26. September 1941
A., den 26.IX.41.
Meine Lieben!
Gerade haben wir uns heiß gebadet und anschließend gegessen, und ich will den Abend benutzen, Euch noch schnell ein paar Zeilen zu schicken. Das Bad war dringend nötig, denn wir sahen, vom Staub der Straße über und über verkrustet, wie die Kumpels im Pott aus. Jetzt strahlen wir wieder in alter Frische und haben nun auch Zeit genug, etwas mehr für unsere körperliche Sauberkeit zu tun, als wir dies bisher tun konnten.
Wir liegen in einem schönen Quartier, in dem wir uns gemütlich eingerichtet haben. Wir haben sogar elektrisches Licht, das in den Städten, in denen wir bisher waren, versagte. Ein Grammophon versorgt uns mit
russischer Musik. So können wir es hier schon aushalten. Aller Wahrscheinlichkeit nach bleiben wir hier längere Zeit, wohl zwei oder mehr Wochen.
Es ist ganz gut, einmal aus der Sicherheit d. selbstzufriedenen Ruhe des bürgerlichen Lebens in eine ganz andere Atmosphäre hineingeworfen zu werden, damit man nicht verspießert. So weiß ich auch dieses Leben als Soldat, das Ertragen von Strapazen aller Art, das Zurückstellen der Eigenwünsche und Liebhabereien und das Gehorchen zu schätzen als wertvollen Erziehungsfaktor. Denn man wird hier draußen durch Härte und Verzicht, durch ständige Einsatzbereitschaft u. durch die Kameradschaft ein ganz anderer Kerl.
O verlerne die Zeit, daß nicht dein Antlitz verkümmre
und mit dem Antlitz dein Herz.
Leg ab deine Namen, verhänge die Spiegel,
weihe dich einer Gefahr!
Wer einem Wink folgt im Sein,
vieles zu Einem erbaut – stündlich prägt ihn der Stern.
Und nach glühenden Jahren, wenn wir irdisch erblinden,
reift eine größere Natur.
Hans Carossa.
Wie froh u. dankbar wäre ich, würde ich noch einmal weiter studieren dürfen, würde ich wieder unter meinen Büchern sein können und die Segnungen der Kultur erfahren dürfen, - würde ich mit meinen lieben Freunden,
vor allem mit Euch, Ihr Lieben, wieder zusammensein dürfen – mit einem Wort; dürfte ich noch einmal leben – einst – nach all diesem – ich würde es ganz anders tun, als bisher. Aber ist dieses nicht auch Leben? Kampf, Entsagung! Oh, ich weiß, ich muß noch viel lernen, eh ich den Sinn all dieser Dinge erfahren habe. Ich ahne ihn aber schon.
Das Leben ist groß und Gott ist gut – sagte Hans Niermann.
Ich grüße Euch, Ihr Lieben daheim
Euer
Gisbert