Gisbert Kranz an Bruder Fritz, 15. Oktober 1941
Rußland, den 15.X.41.
Lieber Fritz!
Heute will ich Dir vom Hunger schreiben, nicht von jenem des Leibes, von dem leeren, flauen Gefühl in der Magengegend, das wir hier auch schon kennengelernt haben, sondern von dem andern Hunger, der noch viel größer und brennender ist als dieser. Ich meine den Hunger des Geistes.
Du wirst ihn nicht kennen, diesen größten Schmerz des Menschenherzens, denn Du bist noch sehr jung, und Du sinnst jetzt noch auf Spiel und müßigen Zeitvertreib. Doch will ich ihn Dir schildern, diesen großen Hunger.
Vielleicht hast Du schon einmal gehört von Menschen, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Siehst Du, das sind solche, die in einer Welt von Haß und Ungerechtigkeit leben und deren Herz sich sehnt nach Liebe und Gerechtigkeit. Das verstehst Du. Nun, lieber Bruder, dieser Hunger ist ein Teil von dem Hunger, den ich meine. Das ist der Hunger der Menschen, die einmal Gott besaßen, die die Liebe und Güte Gottes erfahren haben, die sich bei Gott, in seinem Hause und im Gespräch mit ihm, im Gebete, wohlfühlten, deren Herz warm war von der Liebe Gottes, und die nun ganz plötzlich in eine Umgebung kommen, die Gott nicht kennt, die kalt ist und herzlos, ohne Liebe und ohne Freude. Es sieht fast so aus, als ob Gott sie ver-
lassen hätte. Das Schlimmste aber ist, wenn so ein Mensch auch anfängt, kalt zu werden und lieblos. Das kommt, ohne daß der Mensch es will, ja er wehrt sich dagegen, aber er kann es kaum ändern. Er sehnt sich zurück nach der Wärme Gottes, und dieses Sehnen wird immer stärker, je kälter es um ihn herum und in ihm selbst wird. Verstehst Du das? Das nenne ich den Hunger des Geistes, oder den Hunger nach Gott. Nein, Du wirst es wohl noch nicht verstehen, jetzt noch nicht, aber vielleicht später einmal, wenn Du selbst plötzlich einsam wirst, wenn kein liebender Mensch mehr bei Dir ist und wenn Du meinst, auch Gott sei nicht mehr bei Dir. Dann wirst Du das verstehen, denn dann bist Du selbst hungrig. Und wenn Du einmal soweit bist, dann sollst Du wissen und daran denken, was ich, Dein Bruder in Rußland, Dir nun schreibe: Dieser Hunger ist gut, er kommt von Gott, und wenn Gott Dich so hungern läßt, dann danke ihm. Wenn es auch vielleicht so aussieht, Gott habe Dich verlassen, in Wirklichkeit ist er Dir näher als sonst, und einmal, wenn er will, wird er Deinen Hunger stillen. Nur darfst Du nicht meinen, Gott nicht mehr nötig zu haben und den Hunger mit falscher Speise zu sättigen. Das ist die Speise des Teufels, die zum Tode führt. Doch davon schreibe ich Dir ein andermal.
Für heute will ich schließen und Dich herzlich grüßen
Dein Gisbert