Gisbert Kranz an seine Familie, 19. Oktober 1941
[Alexandria]
Rußland, den 19.X.41. Sonntag.
Meine Lieben!
Gestern bekamen wir Liebesgaben aus Ungarn: Für jeden Mann 12 ungarische Qualitätszigaretten, dazu sehr feinen Likör und Keks und Bonbons. Überhaupt bekommen wir jetzt reichlich Zigaretten, von Zeit zu Zeit auch Schnaps oder Rotwein.
Dieser Tage sah ich zwei große Filme: „Annelie“ und „Ich klage an“. „Annelie“ (der bekanntlich auf der Biennale in Venedig großes Aufsehen erregt hat) war sehr schön, in Stil und Tendenz ähnlich wie „Mutterliebe“, allerdings mit manchen sentimentalen Szenen. Das Bild von der Himmelsleiter fand ich sehr kitschig. Ich finde, daß hier der Film seine künstlerischen Grenzen überschreitet, indem er zur Schilderung des Irrealen, Phantastischen übergeht. Sympathisch war W. Kraus in seiner Rolle als Katasteramtsrat. Ich kenne ihn bereits aus seiner Doppelrolle in „Jud Süß“, aus „Robert Koch“ (wo er den Virchow mimte) und aus dem Bismarkfilm.
„Ich klage an“ ist künstlerisch einer der wertvollsten Filme, die ich bis jetzt sah. Die Handlung ist dramatisch bis zum Äußersten. Das aufgeworfene Problem der Euthanasie gibt viel zu denken. Sie propagandistische Tendenz ist unverkennbar. Die moderne Auffassung des Leides kann ich nicht annehmen. Die christliche Haltung zum Leid ist im Film verzerrt dargestellt. Hier zeigt der Film wieder einmal, wie wenig er in der Lage
ist, religiöse Probleme und christliche Weltanschauung richtig zu beurteilen, ja überhaupt richtig darzustellen. Aber bei einem Propagandafilm nimmt das nicht wunder. Christliche Haltung zum Leid bedeutet Mut und Tapferkeit, nicht Ressentiment, nicht Stoizismus. „Hat sie sich vor dem Tod gefürchtet?“ – „Nein, aber vor dem Sterben.“ So heißt es in einem Dialog des Films. Wo liegt größerer Mut, wo ist die wahre Seelengröße? Bei dem Soldaten, der zu Tode verwundet auf dem Schlachtfeld liegt und seinen Kameraden bittet, ihm den „Gnadenschuß“ zu geben, oder bei dem Verwundeten, der seine Qualen mutig trägt? Mir scheint, daß diese Flucht vor dem Leid kein gutes Zeichen für die moderne Kultur und Zivilisation bedeutet. Ich halte sie für ein deutliches Zeichen von Schwäche, von Degeneration. Man wirft dem Christentum Lebensverneinung vor. Ist es nicht ein Zeichen von höchster Lebensbejahung, von letztem Wirklichkeitssinn, mit der Freude des Lebens zugleich das ungeheuere Leid der Menschheit zu bejahen, anstatt die Augen vor dem tatsächlichen Leid zu verschließen und nur die Sonnenseite des Lebens zu sehen? Denn das Leid gehört doch ebenso zum Leben wie die Freude. Freude und Leid sind Pole im Strom des Lebens. Wie Freude und Glück positiv, das heißt nicht die Nonexistenz, die Abwesenheit von Leid, ist, so ist auch das Leid positiv, nicht die Nonexistenz von Freude und Glück. – Ich glaube, daß nur der, der tiefes Leid ertragen hat, auch fähig ist, im Tiefsten froh zu sein. Das läßt sich aposteriori beweisen. –
Ich bin jetzt wirklich ins Philosophieren geraten und fürchte, Euch schon zu langweilen. Doch nehmt mir das bitte nicht übel. Man hat hier Zeit genug, über solche Probleme, wie dieser Film sie aufwarf, nachzudenken. Über das Niedergeschriebene bin ich mir im Klaren, doch bleibt noch manches offen. – Seht Euch bitte mal den Film an und schreibt mir darüber, vor allem auch von dem Eindruck, den er in kathol. Kreisen gemacht hat, und welche Beurteilung er dort gefunden hat. Mir scheint die Frage des Leides und damit das Problem der Euthanasie sehr wesentlich zu sein, daß man nicht gedankenlos daran vorübergehen kann. Vor allem bemerkenswert ist die Konsequenz, die sich aus den Gedankengängen des Films für den Staat ergibt... Sterilisation – Euthanasie – Tötung der Kranken und Schwachen... –
Heute morgen war ich wieder zur Messe und zu den Sakramenten. Zwei Schriften, die ich mitbekam, lege ich bei. Wertvoll ist der Aufsatz von Winterswyl über die Schutzmantelmadonna. –
Heute abend läuft wieder ein neuer Film. Ich will wieder hingehen, denn was soll man sonst hier machen. Zu lesen hat man hier wenig. Da ist das Kino fast die einzige Unterhaltung. Ich warte brennend auf Eure ersten Briefe und die gewünschten Zeitschriften und Bücher. – Übrigens benötige ich die Urkunde zu meinem Schutzwall-Ehrenzeichen. Ich glaube, sie liegt in dem Schränkchen auf dem Bücherregal mit dem Vorhang auf meinem Zimmer. Seid bitte so gut und sucht sie heraus und schickt sie mir.
Heute vor zwei Jahren wurde ich aus dem RAD entlassen. Wißt Ihr noch, was das für eine Wiedersehensfreude war? Und vor einem Jahr um diese Zeit saß ich hinter meinen Büchern und paukte fürs Philosophikum. Kinder, wie die Zeit vergeht! Auch dies alles geht vorüber. Im Osten geht es jetzt schnell dem Endsieg entgegen. Hoffentlich ist bald der Krieg zu Ende.
Wie geht es Euch daheim? Schon 10 Wochen habe ich nichts mehr von Euch gehört. Hoffentlich seid Ihr noch alle bei bester Gesundheit. Was macht das Geschäft? Wie ergeht es Tante Nettchen, Tante Maria u. Tante Aloisia? Werdet Ihr noch oft von nächtlichem Fliegeralarm gestört? Was ist in unserer Gemeinde noch los? Sind die Vikare noch alle da? Schreibt mir von Allem! Auch von Bekannten, die gefallen sind usw. usw. Was ist überhaupt in Steel noch los? Schreibt bitte nicht: Es ist noch alles beim Alten. Das stimmt nämlich doch nicht.
Und nun grüße ich Euch alle recht herzlich
Euer Gisbert.