Gisbert Kranz an seine Familie, 24. Oktober 1941

[Poltawa]

Rußland, den 24.X.41.

Meine Lieben daheim!

Nun haben wir Alexandria und unser altes, bescheidenes Quartier verlassen und sind 200 km ostwärts über Krementschug hinaus nach einer 100 000-Stadt umgesiedelt. Unser dürftiges, allzu enges Quartier mit seinen kleinen Fenstern, die sich nicht öffnen ließen, haben wir vertauscht mit einem Renaissancepalast von großen Ausmaßen, der mit Dampfheizung, fließendem Wasser und reichem Mobilar ausgestattet ist. Mit 13 Mann liegen wir in einem Saal von 8x6x5 m Größe mit drei großen Fenstern, Parkettboden und hohen Flügeltüren. Wir haben fabelhafte Stühle, zwei große Tische und einen kleinen, zwei Glasschränke, einen Schreibtisch und einen Kleiderständer. Außerdem sind im Haus zwei Konzertflügel. An die Wand haben wir ein großes Bild von Gogol gehängt, das wir in einem leerstehenden Nachbargebäude aufgetrieben haben. (Übrigens ist hier auch ein Theater, das nach diesem russischen Dichter benannt ist, wie ich aus dem Telefonbuch dieser Stadt ersehen konnte.) Wenn Ihr uns hier in unserer neuen Behausung sehen könntet, ich glaube, Ihr würdet uns um unser „Palais“ beneiden.

Eigentlich fehlt mir hier nichts mehr, außer einem Brief von Euch. Bis jetzt hat die Post immer noch nichts gebracht. Wenn möglich, schickt mir bitte mit dem nächsten Päckchen eine Taschenlampe mit Batterie. – Der Lehrgang, den ich mitgemacht hatte, fand mit

einer Besichtigung am letzten Montag seinen Abschluß. Er soll aber in drei Wochen fortgeführt werden.

Karlheinz gratulierte ich zum Namenstag. Hoffentlich bekommt er die Karte. Anbei ein Brief an Tante Nettchen zu ihrem Namenstag am 25.XI., den Ihr mit der Straßennummer versehen rechtzeitig abschicken wollet.

Es grüßt Euch herzlich

Euer Gisbert

[Zeichnung]

So sieht die Straßenfront unseres Quartiers aus.