Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 31. Oktober 1941

Rußland, den 31.X.1941.

Meine liebe, liebe Mutter!

Du kannst Dir meine Freude kaum ausmalen, als ich heute abend, zum erstenmal nach zweieinhalb Monaten wieder einen Brief von Dir in Händen hielt! Wie oft habe ich in dieser langen Zeit Deinen letzten Brief gelesen, den Du mir am 14.VIII., noch vor Deinem letzten Besuch in Rheine, in banger Hoffnung auf meinen Urlaub und in liebevoller Sorge um meine Gesundheit und mein Wohlergehen geschrieben hast! Immer und immer wieder zog ich in stillen Stunden diese fein bewahrten Zeilen, aus denen soviel Liebe und Güte zu mir sprach, hervor als letzte Erinnerung an Deine lieben, treuen Hände, die ich so gerne bei mir gewußt hätte, um sie dankbar zu ergreifen, dankbar für all Deine Sorge, die ich erst nach dem Scheiden aus dem Elternhause so schätzen gelernt habe. – Und nun dieser lange, liebevolle Brief! Wie dankbar ich Dir für Deine mutigen und stärkenden Worte bin! Wie dankbar für Dein inniges, treues Gebet, das mir Beruhigung und zuversichtlichen Glauben in schwierigen Lagen geben soll. Welchen Trost und welche Kraft verleiht doch einem Soldaten das Wissen um das treue Gedenken und stille Beten

einer lieben Mutter weit fern in der Heimat. Ich kann Dir garnicht anders dafür danken, liebe Mutter, als daß ich ebenfalls oft Deiner vor dem Herrn gedenke. Wir wollen gemeinsam Gott bitten, daß wir uns gesund und froh wiedersehen nach Überwindung all dieser Kämpfe, daß ich nach dem Kriege mich weiter vorbereiten kann auf meine Sendung, für deren Erfüllung ich mein Leben verschrieben habe. Peter Paas schrieb mir in dem Brief, den Du mir nachschicktest: „Uns gehört Deutschland nach diesem Kriege, uns muß es hören, wenn wir ihm Christus predigen... Wir Säer und Künder einer neuen Zeit, eines ewigen Reiches, wir Bürger zweier Welten müssen dann mit unserer Liebe diese Welt anzünden, daß sie brenne für Christus.“ Nicht wahr, liebe Mutter, Du bist stolz darauf, Deinen Sohn einer solchen Lebensaufgabe, einem heiligen Auftrag geweiht zu wissen, und Du wirst den Herrn bitten, wenn es Ihm gefällt, mich diese Sendung erfüllen zu lassen und mir Kraft des Geistes und des Körpers dazu zu geben. Noch gilt es, einen blutigen Kampf zu bestehen, eh’ die Waffen zum geistigen Kampf geschliffen werden. Doch strecke ich mich aus nach dem, was vor mir liegt, (2. Kor.) und es hungert mich danach, meine Sendung zu erfüllen.

Wie lieb und aufmerksam ist es von Dir, meinen Bekannten meine Anschrift mitzuteilen, damit ich recht viel Post erhalte. Gerade erhalte ich Post von Dresen und Fritz. 2.XI. Meine Liebe und Sorge vergißt auch nichts! Liebe, gute Mutter! – Gerade höre ich die „Letzte Rose“ aus „Martha“, und ich muß wieder daran denken, wie Du damals mir dieses Lied vorsangst. Wie schön war das damals doch! Wie oft sehe ich Dich im Geiste in der Küche geschäftig hantieren, rastlos um unser Wohl besorgt. Wie Deine lieben Hände den Weihnachtstisch und den Christbaum vorbereiten, ich sehe es jetzt, obwohl ich nie dabei war (denn Du wußtest dies alles vor unsern Augen gut zu verbergen, damit die Überraschung und unsere Freude nachher eine umso größere sei). Und wenn Du nach getaner Arbeit abends beim Schein der Lampe mit müden Händen und müden Augen über einen Bogen Papier sitzt, um Deinem Jungen in

Rußland etwas Liebes und Frohes zu schreiben, ich sehe Dich dabei und danke Dir. Ja, vielleicht schreibst Du gerade jetzt wieder, und in 14 Tagen erfahre ich, was Du jetzt zu mir sagst. Aber ich weiß es jetzt schon, liebe Mutter!

In den letzten Nächten führte mich der Traum oft in die Tage der Kindheit und ins Elternhaus zurück. Ich weiß nicht, was ich da rückschauend noch einmal alles erlebte. Es war viel Sonne und Freude, und vor allem stand immer wieder Deine liebe Gestalt. Wie wir gemeinsam durchs Siepen wandern oder durch den Schellenberger Wald, plaudernd, scherzend oder über Ernstes, Zukünftiges sinnend, oder auch streitend, Du den widerspenstigen Sohn scheltend. –

Ich gehe jetzt schlafen, Mutter. Gute Nacht. Deine Hand möge das Kreuz über mich machen!