Gisbert Kranz an seine Familie, 27. August 1941
Rheine, den 27. VIII. 41. Mittwoch.
Meine Lieben!
Ich danke Mutter noch mal herzlich für ihren Besuch am Sonntag und für alle die schönen Sachen, die sie mir mitgebracht hat. Wie ihr sehr, sind wir noch hier, aber es scheint heute loszugehen.
Gestern fragte unser Unteroffizier, den ich schon von 1939 vom Westwall her kenne – ich habe ihn Dir, liebe Mutter, ja Sonntag in der Kantine gezeigt -, wer von uns katholisch sei. Er schlug vor, nach Dienstschluß gemeinsam zur Kirche zu gehen, um die Sakramente zu empfangen. Ich habe gleich freudig ja gesagt, denn man weiß nicht, wann man die nächste Gelegenheit dazu hat.
So gingen wir – ein Unteroffizier und sechs Mann – zum Pfarrer der benachbarten Elisabethkirche, der zugleich Standortpfarrer ist, und trugen ihm unsere Bitte zu beichten und zu kommunizieren vor. Er zögerte zunächst, uns am Abend die Kommunion zu reichen, wo wir noch 2 Stunden vorher gegessen hatten. Doch war er schließlich dazu bereit, als ich ihm sagte, er könne doch in diesem Falle Epikie anwenden (d. h. abweichend von der Vorschrift handeln). So hat dann doch der Geist, der lebendig macht, gesiegt über den Buchstaben, der tötet.
Ich war wirklich froh, daß ich noch mal die Gelegenheit hatte zum Sakramentenempfang. Gefreut habe ich mich über unsern Unteroffizier, der ganz spontan und ohne Furcht seinen Vorschlag vorbrachte. (Er wußte noch nicht, daß ich Theologe bin.) Ein echter Katholik,
wie sie unter unseren Unteroffizieren, vor allem unter unseren Offizieren nicht gerade selten sind. Davon überzeugte ich mich ganz besonders, als wir sieben nachher beim Standortpfarrer zu Gast waren und der feine Herr uns von seinen Erlebnissen als Standortpfarrer und von Offizieren, die er kennenlernte, erzählte.
Ich habe noch eine feine Zigarre vom Standortpfarrer. Die will ich rauchen, wenn wir auf dem Transport sind. –
Vorgestern abend erhielt ich einen dicken Brief. Als ich ihn öffnete, waren es mehrere, ungefähr zwanzig. Es waren Briefe von den alten Kameraden der Abiturienten 1939 an ihren alten Klassenlehrer Leutnant Willi Groß (dem Sohn des Majors), der sie zusammenheftete und als Rundbrief zirkulieren läßt. Ich habe mich sehr gefreut über dieses Zusammenstehen und