Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 1. November 1941

Allerheiligen, Rußland.

Liebe Mutter!

Letzte Nacht träumte mir wieder von Dir. Wie Du uns als Schulkinder um das Kreuz überm Küchentisch, von dem wir gerade unser Frühstück eingenommen hatten, aufstellst und vor dem Gang zur Schule unser Tageswerk Gott weihen läßt. Es waren die alten Gebete zum Schutzengel und zur hilfreichen Mutter und das „Alles meinem Gott zu Ehren“. Damals waren es noch auswendig gelernte Verse, gedankenlos gesprochen, „halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen“, jetzt gewinnen sie Tiefeninhalt und Bedeutung. So weiß ich auch die Strofen zu schätzen, die Du mir zukommen ließest. Das Lied von der Schutzmantelmadonna schickte ich Euch meinerseits in dem Heftchen von Winterswyl.

Ich danke Dir für die Nachrichten von Freunden und Bekannten und erwidere alle aufgetragenen Grüße auf das herzlichste. Auch will ich nicht vergessen, für Fritz’ und Günters Zeilen zu danken. Fritz schreibt sehr brav. Karlheinz hat nicht einmal einen Gruß geschrieben. Ich erwarte einen ausführlichen Bericht über seine Fahrt und über seine Pfarrjugend. (Vielleicht ist er schon unterwegs). Ich bitte ihn, alle seine Jungen, besonders aber Vik. Huth und Loggen von mir zu grüßen.

Die Briefe an meine provisor. Fpnr. haben mich leider nicht erreicht. Sie werden zurückgegangen sein, und ich bitte Euch, auch diese Briefe mir nachzuschicken. Die Päckchen habe ich noch nicht erhalten, sie laufen länger als die übrige Post. Doch freue ich mich jetzt schon darauf, wie auch auf Dein frdl. Ver-

sprechen, mir täglich schreiben zu wollen. Zwar kommt die Post hier nicht tägl. an, oft nur einmal in der Woche, doch muß dann jedesmal viel für mich dabei sein.

Wie Ihr aus meinen wohl mittlerweile erhaltenden Briefen erseht, bin ich bei Kiew nicht dabei gewesen, wohl einige Tage an der Front von Dnjepropetrowsk. Von unserem neuen schönen Quartier habe ich Euch schon erzählt. Es scheint so, als ob wir dieses Jahr nicht mehr zum Einsatz kommen. Doch faulenzen wir hier nicht, sondern machen strammen Dienst, noch strammer als in der Kaserne, ohne Rücksicht auf das Wetter, das in letzter Zeit sehr schlecht war. Den Vormittag verbringen wir bei Regen und Kälte mit anstrengendem Dienst im Gelände. Lediglich gestern, wo ich

Deinen Brief erhielt, war sonniges, schönes Herbstwetter. Altweibersommerfäden schwebten in der Luft, Zugvögel zogen nach Süden – es war wirklich schön. Doch heute regnet es wieder, und draußen ist lauter Schlamm und Morast.

Vor einigen Tagen boten uns Ukrainer in einem Theater einen bunten Abend: Ukrainische Volksweisen, Zauberkunststücke, Equilibristik – rührend simpel und anspruchslos im Kirmesbudenstil. Die Veranstalter hatten mehr Spaß an der Sache als wir Soldaten. Einige verließen den Saal schon nach 20 Minuten, was ich trotz des ungeheizten Raumes und der Einfachheit der Darbietung für sehr unhöflich fand. Auch daß nachher einige meckerten, gefiel mir nicht. Man muß doch immerhin die Mühe der braven Ukrainer

 

danken.

Morgen kann ich wieder zum Gottesdienst.

Danken muß ich auch noch für die schönen Karten, für das feine Marburger Foto von Kevelaer und für die liebe Erinnerung an Breckmann.

 

Sonntag, den 2.XI.41.

Liebe Mutter!

Heute ist wieder ein ganz herrliches Wetter, die Sonne strahlt vom Himmel, ein richtiger Sonntag. Heute nachmittag will ich mit meinen Freunden Jupp Breuer u. J. Fenger, mit denen ich gerade aus dem Gottesdienst komme, einen Spaziergang auf die Höhen von Poltawa machen, wo eine große, leuchtende Kathedrale steht.

Jupp B. ist der Kontheologe, mit dem ich schon in Hamm und Elberfeld zusammen war; Jupp Fenger ist ein Kölner Abiturient, wie ich KOB, übrigens deutscher Meister im Hürdenlauf, der Deutschlands Farben in Paris siegreich vertrat, ein feiner Kerl.

Der Gottesdienst fand im ehemaligen Gebäude der kommunistischen Partei statt, in einem großen, hellen Saal, in den durch große Fenster das Sonnenlicht froh hereinstrahlte. Der Raum, architektonisch wie geschaffen zum Gottesdienst, war würdig hergerichtet: der Altar, von einem großen Holzkreuz überragt, dahinter die Reichskriegsflagge, geschmückt mir herrlichen Blumen, war hochgebaut, allen sichtbar. Ein Harmonium war auch vorhanden. So schön habe ich lange keinen Gottesdienst mehr erlebt. Den Saal füllten wohl an die 600 Soldaten und Offiziere (die meisten mussten stehen). Da stand der Gefreite neben

dem Fliegerobersten, der Arbeitsmann neben dem Leutnant, alle vereint zu andächtiger Opfergemeinschaft. Ein Unteroffizier ministrierte. Der Wehrmachtsdekan, selbst alter, bewährter Frontsoldat, predigte fein über das Wesen des heiligen Menschen. Nach uns feierten die protestantischen Brüder ihren Reformationsgottesdienst, zu dem auch Generalfeldmarschall von Rundstedt mit vielen hohen Offizieren erschien.

Anbei ein Aufsatz des bekannten kath. Publizisten Sigismund von Radecki, den ich einer Tageszeitung entnahm und der mich seiner Philosophie wegen interessiert. Ich bitte, ihn mir aufzuheben. – Gestern schickte ich Euch wieder 60 Mark Erspartes von meiner Löhnung, die ich auf mein Konto einzuzahlen bitte.

Da dieser Brief erst Mitte November in Deiner Hand sein wird und Weihnachtsfeldpostpäckchen schon am 1.XII. aufgegeben sein müssen, gestatte mir, liebe Mutter, jetzt schon ein paar bescheidene Weihnachtswünsche zu äußern. Zunächst schickt mir meinen alten Schott (was Ihr auch sofort schon tun könnt). Ferne brauche ich eine Taschenlampe mit Batterien (möglichst keine Stabbatterien). Strümpfe kann ich sehr gut gebrauchen. Ferner wünsche ich mir das Buch von Sigism. von Radecki „Die Welt in der Tasche“; es ist 1939 bei Hegener (Leipzig) erschienen. Dazu Zigaretten, Schokolade, Spekulatius, Pralinen, so weit es geht, und vielleicht auch ein Fläschchen Likör (mit Glas). Verpacke aber alles gut und fest, liebe Mutter.

So, nun will ich für heute schließen. Ich grüße Dich herzlich und dankbar, auch Vater, Karlheinz und Günter.

Dein Gisbert