Gisbert Kranz an seine Familie, 4. November 1941
Im Osten, den 4.XI.41.
Meine Lieben!
Heute erreichte mich ein ganzer Berg Post. Die ersten Früchte von Mutters Aufmerksamkeit, meine Anschrift meinen Freunden mitzuteilen konnte ich nun ernten: Ich erhielt lange Briefe von Dr. Gaillard, August Böhmer, Stimpel, Tante Nettchen, dazu Vaters Brief vom 11.X. mit 3 Illustrierten und Päckchen Nr. 8 mit Schokolade, Mutters Brief vom 14.X. mit zwei Umschlägen Briefpapier. Für alles herzlichen Dank. Da die Feldpost jetzt fast täglich kommt, werden die übrigen Päckchen bald auch eintreffen. Mein Bedarf an Briefpapier ist nun
auf lange Zeit hin gedeckt. Für Eure Mühe, mir die gewünschten Bücher zu verschaffen, danke ich Euch herzlich, wenn sie auch fruchtlos war. Meiner Wunschliste zu Weihnachten füge ich noch ergänzend folgende Wünsche hinzu. Gunnar Gunnarson, Advent im Hochgebirge (Reclam 7328), ferner Karl Benno v. Mechow, Das ländliche Jahr. Diese Bücher entnehme ich den dankenswerten Anregungen des letzten Rundbriefes der Karl Humann-Schule. Übrigens dürfen jetzt – wie Euch wohl mittlerweile bekannt geworden ist – auch Feldpostpäckchen bis zu 1000 g abgeschickt werden.
Die Geschichte vom Tode unseres Piepmatzen ist ja sehr tragisch. Nun, wir haben ja noch Radio und Grammophon... Und obendrein hat Mutter
(bezw. Anna) die Arbeit gespart. Den Käfig kann Vater noch zur Auffüllung seines Warenlagers gebrauchen. So hat auch dieser Schicksalsschlag seine tröstlichen Seiten. –
Mutter meint, so ein Artilleriefeuer müsste schrecklich sein. Nun, so schlimm ist es nicht. Man hat dabei etwa dasselbe Gefühl, wie zu Hause bei einem Fliegeralarm, wenn in der Nähe des Luftschutzkellers die Bomben krachen und draußen die Flak schießt. Die Unwahrscheinlichkeit, dabei selbst einen auf den Hut zu kriegen, ist dabei genau so groß. Man darf dabei eben kein Pech haben. – Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns jede Woche zu baden, und unsere Wäsche wird wöchentlich von einer Wäscherei gewaschen. So ist die
Gefahr der Verlausung auf ein Mindestmaß herabgedrückt. Sehr dankbar wäre ich Euch um Übersendung von Kern- u. Toilettenseife, welcher Artikel hier sehr knapp ist. Vielleicht hat Mutter auch da noch Quellen, die noch nicht versiegt sind. –
Neulich las ich ein Buch, das von einer Nachbarkompanie herausgegeben ist und Erlebnisberichte und Bilder vom Balkanfeldzug unseres Bataillons enthält. Das stilvoll geformte Werk war sehr interessant und ließ den Wunsch aufkommen, damals schon dabei gewesen zu sein. Unser Bataillon ist während dieses ganzen Feldzuges kein einziges Mal im Gefecht gewesen, und doch hat es eine Fülle von Erlebnissen gehabt: Slowakei, Ungarn, Rumänien,
Bulgarien, Serbien, Griechenland, Thermopylae, Athen, Sparta, Korinth – diese Namen sagen genug. Wie gern hätte ich das Land Homers und Phidias’ kennengelernt, die Stätten der alten griechischen Geschichte und Kunst erlebt! Welche Kenntnisse und Erfahrungen hätte ich auf diesem Feldzug sammeln können! Ich hätte ein Jahr früher Soldat werden müssen. Hier in Rußland ist nichts Schönes zu erleben, weder Volk noch Landschaft bietet etwas für Auge und Geist. Hier ist alles trostlos. Die einzigen Erkenntnisse, die man hier sammeln kann, sind die über die Lüge des Bolschewismus. Hier verliert der Krieg jeden Reiz, hier ist Krieg in grausamster Form. Auf dem Balkan waren die Töpfe
noch voll, unsere Soldaten schlemmten vom Überfluß dieser gesegneten Länder. Doch hier hungert das Volk selbst. Und wir sind ganz auf unsere kargen Portionen angewiesen. –
Doch will ich das Schicksal nicht anklagen. Ich habe eine herrliche Studentenzeit hinter mir, und wer weiß, ob ich sie in dieser Form nach dem Kriege nochmal erlebe. Nach Hellas aber kann ich immer noch mal fahren. –
H. Stimpel teilte mir in seinem Briefe die Namen von 6 gefallenen Kölner Theologen mit, die bisher bekannt wurden. Und durch den Schulrundbrief erfahre ich vom Soldatentode Hans Vollmarys, meines alten ND Fähnleinführers, der als Leutnant durch einen Granatsplitter fiel.
Ebenso fielen meine Klassenkameraden Herb. Kirchhoff u. L. Brühl.
Leutnant Willi Groß ist schwerverwundet. Er schrieb mir vor zwei Monaten noch einen langen Brief. Weiter sind von meinen alten Mitschülern R. Peerenboom u. F. v. der Gathen, zwei alte NDer, gefallen. Mit Kurt Brixius, Willi Kellermann und Leutn. Willi Köhring sind das schon sieben Mann, die von unserer alten ND Gruppe fielen. R. i. P. –
Es grüßt Euch herzlich
Euer Gisbert