Gisbert Kranz an seine Familie, 12. November 1941

Rußland, den 12.XI.41.

Meine Lieben!

Heute erhielt ich eine Ansichtskarte vom Brinkerplatz (21.X.) und die Briefe Mutters, Vaters, Karlheinz’ und Günters vom 19.X., ferner 11 Päckchen (23-28, 30, 35-38). Für all Eure Mühe und Liebe sage ich Euch meinen herzl. Dank. –

Von der ersten Reihe der Päckchen habe ich außer Nr. 8 noch keins erhalten. Das hängt wohl mit unserm Umzug zusammen. Die Post kommt sehr unregelmäßig. So erhielt ich Eure Briefe vom 26. u. 27.X. bereits am 9.XI., während ich den Brief vom 20.X. erst heute, am 12.XI. erhielt. Die Kekse haben sich gut gehalten, auch die Pralinen und Schokolade. Vater bin ich besonders dankbar für die vielen guten Zigaretten. Das Päckchen mit der Batterie habe ich erhalten, die Lampe selbst hingegen noch nicht. Nochmals für alles meinen

herzl. Dank! Die Hustenbonbons übrigens werden wir bei dem kalten Wetter (seit vorgestern schneit es wieder) gut tun. –

Karlheinz’ Urteil über „Annelie“ hat mich sehr gefreut. Ich bin froh, daß er sich mit den Problemen, die der heutige Film aufwirft, auseinandersetzt. „Annelie“ und „Ich klage an“ habe ich ich ebenfalls gesehen (ich schrieb in einem Brief darüber). – Es freut mich ganz besonders der Erfolg Deiner Heimarbeit, lieber Karlheinz. Nur weiter so! Mich interessiert Dein Arbeitsplan; vielleicht schreibst Du mir mal darüber. Danken muß ich Dir noch für Deine Mühe, die Lieder auf der Maschine für mich zu tippen und meinen Zeitungsaufsatz ins Reine zu bringen.

Mutter danke ich für die schönen Fotokarten aus Alt-Steele. Auf die Bilder von Euch Lieben bin ich sehr gespannt. – Gestern schickte ich Euch wieder 20 M. – Tante Nettchen schrieb mir von

ihrem Leiden. Die arme Frau hat ja viel durchzumachen. –

Liebe Mutter, wenn Du mich gestern abend gesehen hättest, würdest Du sehr gelacht haben. Ich sah mich vor die Notwendigkeit gestellt, endlich mal meine Strümpfe zu stopfen, da ich kein ganzes Paar mehr hatte. Doch das mußte ich erst lernen, denn ich konnte es ja noch nicht. Nach den vielen Löchern, die ich inzwischen gestopft habe, habe ich endlich die nötige Routine in dieser Kunst bekommen. Tja, der Soldat muß alles können. Jedenfalls weiß ich jetzt viel mehr um die große Mühe, die Du mit dem Stopfen all der großen Löcher in unseren Strümpfen hast. –

Es herrscht jetzt eine schneidende Kälte hier. Angenehm ist das insoweit, als der Boden jetzt schön festgefroren ist und nicht mehr soviel Schlamm und Dreck ins Haus getragen wird. Unangenehm ist es für die Posten, die trotz zwei-

facher Mäntel, Kopfschützer und Handschuhen ordentlich frieren. Letzte Nacht habe ich gestanden und diese Nacht bin ich, wie mir soeben mitgeteilt wurde, wieder dran. Na, da ist halt nichts zu machen. Pflicht ist Pflicht. Ich hätte mich gerne diese Nacht ausgeschlafen. Wir kommen als Wachbataillon sehr oft ans Postenstehen und Streifengehen. –

Übrigens – worum ich schon immer bitten wollte, ich hatte es bisher immer vergessen – brauche ich noch ein Besteck. Messer, Löffel, Gabel. Kein zusammenlegbares. Mein Feldbesteck ist stark oxydiert und kaum noch zu gebrauchen. Außerdem esse ich sehr ungern mit solchem Patentbesteck.

Nun nochmals tausend Dank für alles und herzl. Grüße Euer Gisbert.