Gisbert Kranz über die „Kameraden um mich herum“, 14. November 1941
Rußland, den 14.XI.1941.
Die Kameraden um mich herum.
Sie sind alle älter als ich, stammen aus den verschiedensten Berufen und Landschaften. Viele Wochen harten, gemeinsamen Erlebens haben uns einander nähergebracht. Wir kennen uns mit all unsern Schwächen und Launen.
Der älteste von uns ist Ewald Taubner, Tischlermeister aus dem Vogtland, zweiunddreißig Jahre, verheiratet und Vater von drei Kindern. Für sein Alter zeigt er eine erstaunliche Lebendigkeit. Der fixe Kerl ist sogar Kradmelder gewesen. Zuerst bei den Landesschützen, kam er als Ersatz zu uns. Auf dem Vormarsch lernte ich ihn als hilfsbereiten Kameraden kennen. Als Gefreiter von anderthalbjähriger Dienstzeit mußte er sich gefallen lassen, mit den Rekruten vom Ersatz Dienst zu machen. Doch ging er mit seinem urwüchsigen Humor über diese wie über andere Widrigkeiten hinweg. Gerade hat er ein Huhn gerupft, auseinandergenommen und die brauchbaren Teile des Eingeweides gebraten und schiebt mir nun ein Stück Brot mit einer Kostprobe zu.
+ Paul Westphal, ein westpreußischer Bauer, 29 Jahre, verheiratet und Vater von drei Kindern. Das erste, was er morgens tut, noch ehe er die Hose anzieht: er steckt sich seine Pfeife an. Und wenn er sich abends schlafen legt, hat er seinen
Giftkocher noch im Mund. Er ist der schweigsamste, aber wohl auch der treuste von uns allen. Im Dienst steht er den Jungen nicht nach. Er ist strenggläubiger Protestant. –
+ Kurt Weuseritt stammt aus dem ehemals poln. Teil Westpreußens. Er hat mir manches von dem erzählt, was seine Familie unter polnischer Herrschaft mitgemacht hat. Nach dem Polenfeldzug meldete er sich gleich zur Waffen-SS, wo es ihm in einem Reitersturm anscheinend gut gefallen hat. Sein Deutsch hat ausgesprochen polnisches Idiom. So bäuerisch er in seinen Manieren auch ist, so legt er doch großen Wert auf tadellosen Stiefelputz und sauberen Scheitel. Neulich verriet er mir kurz vor dem Schlafengehen, daß er wohl bald Vater eines unehelichen Kindes würde.
Wieling ist der längste von uns, ein schmaler, hellblonder, schlacksiger Kerl mit auffällig blassem, bebrilltem Gesicht. Beim Gehen schwankt er wie ein alter Seebär. Er ist in Billerbeck im Münsterland zu Hause, doch hat er nichts an sich von dem, was den Typus des Westfalen ausmacht. Große Offenheit und Unbekümmertheit zeichnen ihn aus. –
Ein eigenartiger Kauz ist Otto Friedrichs, ein verheirateter, aber kinderloser Kölner. Er ist der Klown der Kompanie. Als ich mal mit ihm Nachtwache hatte, erfuhr ich allerlei aus seinem Leben, wovon die Hälfte allerdings gelogen war. Es ist schon große Geduld erforderlich, ihm
zuzuhören, denn er stottert stark. Als ich ihn nach seinem Beruf fragte, sagte er voll Stolz: „Kü – Kü – weißte – Künstler.“ Tatsächlich scheint er sowas wie ein Kabarett-Virtuose zu sein, denn er vermag die Stube mit den erstaunlichsten Kartenspielertricks und Zauberkunststücken zu unterhalten. Die Zierde seines wenig intelligenten Gesichtes sind lange Kotteletten und – bis wir aus der Front zurückkamen – ein kräftiger Schnurrbart. Er bekommt wohl die wenigste Post von uns, doch hat er in jedem Standort immer ein oder mehrere Bratkartoffelverhältnisse, Bekanntschaften mit russischen Weibern gehabt. Abends kann er stundenlang am Radio sitzen und Schlagermusik hören.
- Bernhard Otto, ein Westfale aus der Paderborner Gegend, groß und breitschultrig mit boxerartig gebogenem Buckel, ist der Fahrer unserer Gruppe. Er ist einer der besten Kameraden, spielt gerne Skat und zwitschert sich auch gerne einen hinter die Binde. Auf seinen kath. Glauben aber läßt er nichts kommen. Er nimmt kein Blatt vor dem Mund und sagt seine Meinung rundheraus. Dabei von unverwüstlichem Humor. Wenn er beim Erzählen etwas besonders unterstreichen will, pflegt er zu sagen: „Mein lieber Brummer“ oder „Mein lieber Hugo!“
+ Obergefreiter Böhm, Dekorateur und Plakatmaler in einer großen Danziger Firma, der Intelligenteste von allen, immer zum Scherzen und zu Unsinn aufgelegt. Sein Humor hat häufig einen Stich ins
Zynische. –
Zimmermann, ein junger, hellblonder Gefreiter aus Stettin. Er ist sehr unsicher. Viel mit Friedrichs zusammen. Ich traue beiden nicht ganz. –
Ob. Gefr. Köper aus Berlin ist erst seit einigen Tagen auf unserer Stube und jetzt schon nicht mehr da, weil er für einen Diebstahl an Lebensmittelbeständen 21 Tage bekommen hat. Er hat es aus Hunger getan, ist sonst gar kein übler Bursche, trägt das EK II. und Infanteriesturmabzeichen.
Unser Gruppenführer Scharfschwert, Elektriker aus Danzig, verheiratet. Er ist erst vor kurzem Unteroffizier geworden und macht sich durch sein herrisches Auftreten, auch alten Kameraden gegenüber, bei allen unbeliebt. Wo sich Gelegenheit bietet, besäuft er sich sinnlos. In A. habe ich einmal den schweren Mann mit einem andern Kameraden an Kopf und Beinen nach Hause tragen müssen. 14 Tage lang danach lief er mit einem dick verschwollenen Auge herum, das sein ohnehin unsympathisches Gesicht noch scheußlicher machte. Er ist Materialist in krassester Form, aufgeschlossen nur für leibliche Bedürfnisse, gut essen, saufen und huren. Als wir einmal auf Religion und Kirche zu sprechen kamen, zeigte er sich als entschiedener Nihilist und Antichrist. Außerdem ein großer Schwätzer. In seinem Blick ist etwas Heimtückisches, Lauerndes. Die Alten nennen ihn Molotow.