Gisbert Kranz an seine Familie, 15. November 1941
Rußland, den 15.XI.41.
Meine Lieben!
Als ich heute morgen am Feldgottesdienst teilnahm, kamen mir das Gesicht und der Gang des Zelebrans, die aristokratische Gemessenheit der Gebärden und Gesten, mit der er die heiligen Zeremonien verrichtete, und der würdevolle gesammelte Ernst, mit dem er die Liturgie feierte, irgendwie bekannt vor. Und als er erst das Wort zur Predigt ergriff, um mit temperamentvollen und soldatischen Worten das Wort Gottes zu verkünden, da wußte ich, wen ich vor mir hatte: Vikar Peiffer, weiland Wehrmachtspfarrer.
Nach der hl. Handlung ging ich gleich zu ihm hin und stellte mich ihm vor. Er freute sich wie ein Kind, einen Theologen aus seiner alten Pfarre hier in Rußland zu treffen, und meine Freude war natürlich nicht minder groß. Er
entsann sich meiner sofort, ich wäre doch aus der Humannstraße. Er läßt Euch einen herzl. Gruß ausrichten. Leider konnte ich nicht lange mit ihm sprechen da er anschließend noch in einem andern Haus zelebrieren mußte und ich am Nachmittag auf Wache ziehen mußte. Ich will ihn jedoch morgen abend aufsuchen, wenn sich Gelegenheit bietet. Ich traf auch noch einen bekannten Bonner Theologen, mit dem ich auf einem anschließenden Spaziergang alte Erinnerungen tauschte und neue Erlebnisse. Wir gingen alle Bekannten durch von denen jetzt viele schon die russische Erde deckt.
Man ist jedesmal froh, wenn man hier draußen einen Bekannten trifft, weiß man dann doch, daß man nicht allein steht.
Für heute frohen Gruß
Euer Gisbert