Gisbert Kranz an seine Familie, 20. November 1941
Rußland, den 20.XI.41.
Meine Lieben!
Die Freiwache will ich dazu benutzen, Euch ausführlicher zu schreiben, als ich das in den letzten Tagen konnte. –
Liebe Mutter! Mit der Abendpost erhielt ich (jetzt erst) Deinen lieben Brief vom 13. Okt., die Briefe Karlheinz’ u. Günters vom 12. Okt. sowie die Päckchen 9, 18, 12, u. 21 (Taschenlampe, Makronen, Briefpapier usw.), nachdem ich heute Mittag schon 16 Päckchen bekommen habe. Ich habe jetzt von 1-50 alle Päckchen außer Nr. 2, 29, 32, 40, 41 u. 45 erhalten. Ich danke Dir herzlich für all Deine Mühe. Du hast ja verschwenderisch für mich gesorgt. Ich schwimme augenblicklich nur so in Zigaretten. Vater danke ich sehr für seine Bemühungen.
Hoffentlich hat er sich das nicht vom Munde abgespart. Ich habe nicht soviel Zeit, auf all die einzelnen Erfrischungen und
nützl. Dinge einzugehen, die Du, liebe Mutter, und Vater mir geschickt haben. Seid versichert, daß ich mich über jedes und alles sehr gefreut habe. Vor allem für die Fotografien, von denen ich heute mittag bereits schrieb, sage ich nochmals meinen frohen Dank. Auch die Ansichtskarten von Steele bereiten mir jedesmal große Freude. So weiß ich wenigstens, daß es Steele noch gibt und nicht nur Rußland und Krieg.
Und nun zu Karlheinz’ Brief.
Er war 6 Wochen unterwegs. „Spät kommt ihr, doch ihr kommt; der weite Weg, Graf Isolani, entschuldigt euer Säumen.“ Ja, weit ist der Weg, doch das Gedenken der Lieben und Freunde daheim überbrückt die größten Entfernungen. So danke ich denn für die Grüße Gahlmanns, Bachus, Dotz’ und der andern. Sie alle grüße ich ebenso herzlich wieder, nicht
vergessen Vic. Huth, Hans Schocke und die Jungen der Gruppe. Richte diese Grüße bitte aus, lieber Karlheinz. – Auf Dein Fahrtentagebuch bin ich gespannt. Hoffentlich ist es bis Weihnachten fertig. Für Deine Bemühungen um Bereicherung meiner Bücherschätze, sage ich Dir nochmals herzlichen Dank. Bezügl. Deiner eigenen Bücher möchte ich Dir folgendes sagen: Es hat wirklich keinen Zweck, wenn Du Dir Bücher anschaffst, die Du in absehbarer Zeit noch nicht lesen, später aber immer noch kaufen kannst, erst recht nicht, wenn diese Bücher schon auf meinem Regal stehen. Selbstverständlich stehen Dir für die Zeit meiner Abwesenheit meine sämtlichen Bücher zur Verfügung. Daß Du die Bände schonst, ist selbstverständlich; ich glaube, in diesem Punkte bei Dir nichts befürchten zu brauchen. Doch möchte ich nicht, daß Du meine Bücher verleihst. Und daß Du mir nicht in die Bücher
hineinschreibst! Ich selbst darf das, denn es sind ja meine eigenen. Hierbei ist für mich nicht der aesthetische, sondern ein rein praktischer Gesichtspunkt ausschlaggebend. –
Vor einigen Tagen bat ich Dich in einem Brief um Mitteilung Deines Arbeitsplans für die Heimabendgestaltung. Nun sehe ich, daß Du diesem Wunsche schon Wochen eher entsprochen hast, bevor er erst laut wurde. Du mußt die Ursache dafür in „widrigen Umständen“ suchen, mit andern Worten in zwei zusammenhängenden Faktoren: der eine heißt „Feldpost“, der andere: „It is a long way“.
In Deinem Arbeitsplan erkenne ich den vom Jugendseelsorgsamt vorgeschlagenen in etwas veränderter Form wieder. Er ist gut, wenn er so ausgeschöpft wird, daß die Jungen etwas davon haben. Man kann über die einzelnen Themen nämlich so und auch so sprechen. Es
kommt nicht darauf an, den Jungen höhere Theologie beizubringen, sondern sie zu lebendigen Christen zu machen, die um die Herrlichkeit ihres Glaubens und ihrer Kirche wissen. Wer solche verantwortungsvolle Aufgabe übernimmt, muß natürlich tief in dieses Wissen eingedrungen sein; denn wie soll er andern davon mitteilen können, wenn er selbst nichts besitzt. Doch das weißt Du selbst und Du bemühst Dich sehr darum, Lehre und Glauben zu erfassen. Ich freue mich, daß Du auch vor schwierigeren Büchern nicht zurückschreckst. In meiner Kartei kannst Du über die einzelnen Themen noch eine Fülle von Material finden, das Du nach Bedarf verwerten kannst. Aber – und das ist jetzt die Hauptsache – wenn Du Dir bei Guardini oder Thomas von Aquin
tieferes Wissen um die Dinge des Glaubens geholt hast, dann darfst Du nun zu Deinen Jungen nicht in der Sprache des Aquinaten oder Guardinis sprechen, um ihnen von diesem Wissen mitzuteilen. Du mußt die Sprache der Theologen in die Deiner Jungen übersetzen, ja, nicht nur die Sprache, sondern auch die Dinge und Gleichnisse in die Welt Deiner Jungen übersetzen. Sonst redest Du über ihre Köpfe hinweg. – Und dann anregen! Hinweise auf rel. Schrifttum. Nicht etwa theol. Fachliteratur, sd. ausgespr. Laien- bezw. Jugendschriften. Wenn Du selbst nicht genug hast, frage bei Vic. Huth oder Hans Schocke. Du weißt, wie ich’s meine. Mut zu bei Deiner Arbeit! Halte die Augen auf für die Dinge des Lebens dadraußen, laß nicht die Nase nur in den Büchern
stecken. Denn die Natur ist wie ein aufgeschlagenes Buch, aus dem sich die ganze Theologie ablesen läßt – für den, der fröhlichen Herzens und gläubig-demütigen Sinnes ist. –
Darf ich noch etwas zu Deiner Schrift sagen? Du achtest zu sehr auf die Vorlage. Versuche einmal, etwas feineren Rythmus in Deine Schrift zu bringen, flüssigere Formen. Es lohnt sich. Denn die Handschrift zeugt vom Geist des Schreibers. Wenn es Dir nicht gleich gelingt, mit den Jahren kommt das von selbst. Je reifer und harmonischer der Mensch wird, umso schöner und reiner wird auch seine Schrift.
Nun einen frohen Gruß Euch allen daheim
Euer Gisbert