Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 23. November 1941
Rußland, den 23.XI.1941. (Sonntag)
Liebe Mutter!
Nachdem ich gestern Deine Ansichtskarte vom 5.XI. erhielt, bekam ich heute die beiden Pakete vom 28. u. 29.X., Deinen lieben Brief vom 29.X. und die beiden Karten von Rheindahlen sowie die Ansichtskarte vom 28.X. Herzl. Dank für alles. Du schickst mir soviel Pakete, daß meine Kameraden langsam anfangen, darauf eifersüchtig zu werden. Ich bekomme die meiste Post von der Kompanie, und man hat mir verschiedentlich schon gesagt, für mich verlohnte es sich, ein eigenes Feldpostamt einzurichten.
Ich habe jetzt wohl über 200 Zigaretten, sodaß mein Bedarf für die nächste Zeit reichlich gedeckt ist. Ich bitte Euch daher – vor allem auch wegen der Rationierung
– mir vorläufig mal keine Rauchwaren mehr zu schicken, bis ich mal wieder darum bitte. Wir bekommen hier ohnehin schon durchschnittl. 30 Zigaretten pro Woche. Wenn Ihr zuviel Zigaretten habt, was ich nicht glaube, so macht lieber mal einen andern Soldaten damit glücklich.
Über den „Hyperion“ habe ich mich sehr gefreut. Die Ausgabe ist gut, und soviel Platz habe ich in meinem Tornister noch, sie unterzubringen. Da wir heute nachmittag nicht ausgehen können, weil wir Bereitschaftskompanie sind, habe ich Zeit genug, darin zu lesen. Ich danke Dir sehr für Deine Bemühungen, dieses Buch zu ergattern.
Ich wußte, daß Du den Brief über den Hunger nicht für Fritz geeignet finden würdest. An dem Nachmittag, wo ich ihn schrieb, wollte ich unbedingt an Fritz
schreiben, und ich konnte in diesen Stunden nichts anderes tun, als meinen Gedanken Gestalt zu geben. Gerne hätte ich Dir, liebe Mutter, oder Karlheinz ebenso geschrieben, doch pflege ich nie einen Brief zweimal zu schreiben, und ich wußte ja auch, daß Dir dieser Brief auch einmal zu Gesicht kam. Daß Fritz sich über diesen Brief gefreut, ja, ihn auch begriffen hat, zeugen die Zeilen, die er mir als Antwort darauf schrieb: „Ich freue mich, mal einen solchen Brief von Dir bekommen zu haben.“ Liebe Mutter, Du glaubst garnicht, für welche Dinge solch ein 14 jähr. Junge schon aufgeschlossen sein kann. Ich habe das früher in meiner Fähnleinarbeit gemerkt. Man kann die heutige Jugend, die viel früher reif ist, als die früherer Generation und aufgeschlossener,
für geistige Dinge als diese, nicht hoch genug in dieser Beziehung einschätzen. Dieses sage nicht ich, der ich doch selbst dieser Jugend angehöre und in dessen Mund solches Urteil wenig wiegen würde und nur Eigenlob wäre, sondern dies sagen viele reife Männer der alten Generation, die die Möglichkeit zu vergleichen haben. (Sagte nicht auch Vater, daß er in seiner Jugend, trotz gleicher Erziehung und Bildung, sich nicht für Bücher und geistige Dinge interessiert hätte, wie Karlheinz dies tut?) Dafür hatte die Jugend der alten Generation, zu der ja auch die Weltkriegsjugend gehörte, vielleicht andere Vorzüge, die der heutigen Jugend fehlen.
Fritz steckt zudem nicht mehr in . Vergleiche nur einmal die Briefe, die er vor einem
Jahr noch schrieb, mit seinen heutigen. Welcher Unterschied im Inhalt wie im Stil! In den Flegeljahren wachsen Jungen so schnell im Geistigen, daß die lieben Mütter garnicht mehr folgen können. Nicht wahr, liebe Mutter? Ich weiß es doch aus eigener Erfahrung. Auf einmal gibt es einen Krach, ein Ereignis, und die Mutter steht staunend vor ihrem Jungen und muß sehn, daß dieser ja kein Kind mehr ist und anders angefaßt werden muß. Für die einen kommt diese Erkenntnis schlagartig, den andern geht sie erst langsam mit den Jahren auf. Die letztere Art von Müttern sind die, die ihren Jungen am meisten lieben; und die es in ihrer großen Liebe garnicht wahrhaben wollen, daß dieser ihr
Junge ihr entfremdet, selbstständig wird und gleichgültig gegenüber der mütterlichen Liebe.
So, liebe Mutter, jetzt habe ich Dir wohl manches gesagt, was ein Sohn seiner Mutter nicht sagen soll. Es klingt ein wenig nach Schulmeisterei und pädagogischen Ratschlägen, doch das sollen diese Sätze nicht sein. Ich müßte mich ja schämen, wollte ich diese meiner Mutter geben. Ich weiß, daß Du meine Worte so nicht auffassen wirst, daß Du mich verstehst und mir das bestätigst, was Du ja schon immer wußtest: Deshalb durfte ich so zu Dir sprechen. Nicht wahr, liebe Mutter? –
Heute morgen traf ich beim Gottesdienst E. H., einen Theologen, mit dem ich in Paderborn zusammen studiert
habe und der ein Jahr vor mir in Steele das Abitur gemacht hat. Wie klein doch die Welt ist! Das ist schon der dritte von meinen alten Bekannten, den ich hier im Osten treffe. Solche Zusammentreffen ergeben sich in den Kriegs[.?.] öfters, und man muß es als gnadenreiche Fügung der Vorsehung werten, wenn sich zwei Bekannte oder Freunde unter den vielen Millionen Soldaten, die einen Raum, dreimal so groß wie das Altreich, besetzt halten, plötzlich und unerwartet treffen. Vater wird sich solcher Zusammentreffen aus dem Weltkriege sicher noch erinnern. –
Nächsten Sonntag ist schon der erste Advent. Weißt Du noch, liebe Mutter,
wie Du mit Vater mich an diesem Sonntag vor zwei Jahren in Paderborn besucht hast? Was ist in diesen zwei Jahren schon alles geschehen! Und bald ist Weihnachten. Ich freue mich jetzt schon auf den Christstollen, den Du mir schicken willst. Habe ich doch schon ein Vierteljahr keinen Kuchen mehr gegessen. Es wird das erste Weihnachten sein, an dem ich nicht zu Hause bin. An Urlaub ist für mich natürlich nicht zu denken. Viele von den alten Leuten hier sind schon fast zwei Jahre nicht mehr zu Haus gewesen und haben Frau und Kinder daheim.
Es grüßt Dich und die ganze Familie herzlich
Dein Gisbert