Gisbert Kranz an seine Familie, 17. Dezember 1941 (Bericht von der "Minusfront" 30.11. bis 17.12.1941)
Miusfront
Sonntag, den 30. November
Gestern abend sind wir durch Stalino gefahren, eine von den großen Industriestädten des Donezbeckens. Trostloser habe ich nie den für russische Großstädte typischen Gegensatz von repräsentativen öffentlichen Bauten und dem Wohnungselend des Proletariats verspürt als hier. Unsere Wagenkolonne fuhr über von achtstöckigen, hypermodernen Palästen gesäumten Asphaltstraßen, und nicht weit davon lagen, zwischen riesigen Schlackenhalten, die elenden Hütten der Arbeiter. Zu diesem Paradies paßte der sonnenlose, bleigraue Winterhimmel, der den Anblick noch trostloser werden ließ.
In Kasernen östlich der Stadt bezogen wir Quartier. Scharfschwert hatte seinen Radioapparat aufgebaut, sodaß wir am heutigen Sonntagmorgen wenigstens schöne Musik von Bach und Haydn hören konnten. Ob wir die nächste Nacht noch in Stalino verbringen sollten, wußten wir nicht. Gruppe Kalveram war zurückgeblieben, da ihr LKW Federbruch erlitten hatte. Wir warteten noch auf diesen Wagen, ohne den wir den Vormarsch nicht fortsetzen wollten. Mittags war es soweit. Rasch wurden Portionen gefaßt, dann gings wieder los: Richtung Taganrog
Nun sitzen wir – vielleicht zum letztenmal für lange Zeit – im warmen Quartier. Eine schlampige Alte, ein dicker, blöd aussehender Bauer und eine anspruchslose Tochter, doch die Wohnung ist gut, besser als manches bisher in der Sowjet-Union Gesehene. Die Petroleumsfunzel auf dem Tisch gibt leidliches Licht, und sogar ein Diwan ist vorhanden. Überhaupt sehr beachtliche Möbel: zwei gute Schränke, genügend Stühle, das ist schon beträchtlicher Wohlstand für hiesige Verhältnisse.
Noch einmal genießen wir mit vollen Zügen die Ruhe und wohlige Wärme eines solchen Abends. Ich habe mich in meinen Hölderlin vertieft, mein Gegenüber liest Jelusichs Cäsar, und die andern schreiben noch mal nach Hause. Wir bleiben lange auf. Der ruppige Alte hat sich schon hingelegt und schnarcht ganz impertinent. Schließlich strecken auch wir unsere Knochen auf den Boden aus und schlafen. –
1. Dezember.
In dichten Flocken schneit es vom Himmel, das weite Land ist ganz weiß. Der Frost hat nachgelassen. Noch einmal ein behagliches Frühstück, Morgentoilette und Rasieren nach allen Regeln der Kunst, dann auf die Wagen – marsch zur Front. Die Fahrt wird im Halbschlaf verbracht, zwischendurch mal „technischer Halt“, eine Zigarette, dann weiter, bis wir plötzlich durch das Schießen unserer Fla – es ist schon später Nachmittag – aus unseren Träumen gerissen werden. Eine Rata hatte sich an unsere Kolonne herangemacht, drehte aber gleich nach den ersten Schüssen der Fla ab.
In einem kleinen Dorf dicht hinter der Front letzte Rast im Abendsonnenschein. Am Rande der Straße wird schnell noch ein halbes Kochgeschirr Erbsensuppe gelöffelt, während an uns unzählige Panzer, LKWs und andere Fahrzeuge vorüberbrausen: Nachschub an Munition und Verpflegung zur Front, beschädigte Wagen im Schlepp nach rückwärts.
Dann noch einige Kilometer, und wir sind am Ziel. Abgesenia[=?]. Mit dem Nötigsten versehen, marschieren wir querfeldein. Es ist völlig dunkel geworden. Hin und wieder feindl. Flieger am Himmel, ferne Leuchtspurgarben, Leuchtkugeln und Leuchtfallschirme am Himmel und das Wummern der Artillerie. Wir sind schon müde vom Munitionschleppen. Da – Halt. Wir sind da. Ein langer Hang. „Die Kompanie gräbt sich bis zum Morgen ein und bezieht hier eine Verteidigungsstellung.“ Leicht gesagt. Der Boden ist vom Frost wie gewachsener Fels geworden. Kreuzhacken sind nur wenige vorhanden. Aber es muß gehen. Es geht.
Bei Vollmondschein und eisigem Nordwind kommen wir Zentimeter um Zentimeter tiefer. Aus einem [.?.] im Vorgelände werden dreißig Russen in Zivil aufgetrieben. Sie versichern, keine Soldaten zu sein. Waffen habe sie nicht bei sich, doch die können sie versteckt haben. Sie müssen uns helfen. Ein roter Bomber seht uns einige Bomben vor die Nase. Sonst geschieht nichts. –
Gegen drei Uhr rückt der 1. Zug in eine halbausgebaute, vom Schnee zugewehte Reservestellung weiter rückwärts. Die vorhandenen Löcher werden noch etwas tiefer ausgebuddelt, dann ist der Morgen da. Mit angezogenen Beinen hocke ich mit Hinz in einem Loch. Unser MG ist in Stellung gebracht. Mehr bleibt vorderhand nicht zu tun. Jetzt etwas essen. Doch das wenige Brot in meinem Beutel ist wie ein Klotz gefroren, ungenießbar. –
Nachmittags unternimmt der 1. Zug einen Spähtrupp. Wir haben zu erkunden, ob das Dorf hinter dem gegenüberliegenden Höhenzug vom Feinde besetzt ist und in welcher Richtung sich der Feind bewegt. Am Himmel ist rege Fliegertätigkeit, was uns wenig stört. Ein feindliches Flugblatt, unterwegs gefunden, fordert die deutschen Soldaten auf, in geschlossenen Abteilungen überzulaufen und die Offiziere, die das hindern wollen, zu erschießen. (Die Russen scheinen uns für ihresgleichen zu halten). Amerika und England, die mächtigsten Staaten der Welt, seien Rußlands Verbündete, und alle von Deutschland besetzten Länder. Dabei weiß jeder denkende Soldat, daß Norwegens, Dänemarks, Hollands, Rumäniens Jugend auf unserer Seite gegen den Bolschewismus kämpft.
In der nächsten Nacht besetzt der Russe den Höhenzug uns gegenüber. „Morgen wird der Russe angreifen.“ Meint Weuseritt. An Schlafen ist nicht zu denken. Die Nacht ist kalt, und die Ereignisse vor uns verlangen erhöhte Wachbereitschaft.
3.XII.
Im Osten dämmert der neue Tag herauf. Die Artillerie setzt mit lebhaftem Feuer ein. Flak nimmt in direktem Beschuß feindl. Erdziele unter Feuer. Die Einschläge sind gekennzeichnet durch grau gegen das Morgenrot aufsteigende Sprengwölkchen. Der Feind kann unsere Reservestellung schon einsehen, wir müssen also in unsern Löchern hocken bleiben. Feindl. Artillerie und schw. Granatwerfer funken bereits zu uns herüber. Ich lese in meinem Hölderlin, während es um mich herum spektakelt. – „Gib mir eine brennende Zigarette rüber!“ ruft mein Nebenmann aus dem 6 m entfernt liegenden Loch. „Wie denn?“ „Wart, ich werf Dir meine Streichholzdose rüber, Du steckst einen Glimmstengel rein und wirst sie mir zurück.“ Gesagt, getan. Es klappt.
Nicht lange darauf kommt Feldwebel Hahn vorbei: „Erster Zug fertigmachen. Wir setzen uns an den linken Flügel des dritten Zuges.“ Rasch Waffen und Munitionskisten gepackt und dann in Schützenreihe zur Kompaniestellung. Drüben knallt es schon sehr lebhaft; wir sind noch nicht ganz herangekommen, da singen uns schon die Geschosse um die Ohren. Wir gehen in kurzen Sprüngen in die Mulde vor der Stellung des 2. Zuges. Über uns jagen die Geschosse herüber und hinüber. Wir liegen direkt am Feuerbereich. Wozu nur dieser Unsinn? Was sollen wir hier? Der Russe nimmt uns mit einem Hagel von Geschossen unter Feuer. Es pfeift nur so über unsern Köpfen hinweg. Die Einschläge sitzen direkt hinter uns. Fest am Boden gepreßt warten wir lange Minuten auf das, was nun kommen soll. Plötzlich fällt Weuseritt, der
sich kurz aufgerichtet hatte, zusammen. Kopfschuß. Verdammte Schweinerei. Da ruft Scharfschwert: „Kranz mit Munition zum Kompaniegefechtsstand!“ Ich schnappe zwei Munikästen und eine Trommel und springe durch das Feuer den Hang hinter mir hoch, rolle mich hinter die Deckung und liege neben Leutnant Benwitz. „Gut, Kranz, runter in Deckung! Was bringen Sie?“ „Ein Kasten und eine Gurttrommel SS, ein Kasten PZ-Munition.“ Nach einer Weile: „Weuseritt ist gefallen, Herr Leutnant!“ „Da liegt Ihr Buch, verlieren Sie es nicht“, deutet Benwitz auf die Deckung, wo mein Hölderlin, der mir unbemerkt aus der Manteltasche gerutscht war, die erste Seite mit meinen Namenszug aufgeschlafen. „Danke, Herr Leutnant.“ Durchs Feldtelephon verständigt sich Benwitz mit einer Batterie, die einen großen Heuschober vor uns unter Feuer nehmen will. „Achtung, gleich wird abgefeuert!“ Piihihizuuh – schon orgelt der erste Koffer heran. Wumm, Einschlag. „Zweihundert Meter zu weit links!“ gibt der Beobachter an. Noch eine Lage. „Schon besser! Aber zu kurz.!“ Nochmal! „Gut!“ Und jetzt folgt Lage auf Lage. – „Kranz, Sie gehen mit Feldw. Hahn in Ihre alte Stellung zurück.“ „Jawohl, Herr Leutnant!“ In Sprüngen gehts von Loch zu Loch. Auf einmal liege ich neben Franke, der ruhig einen Schuß nach dem andern mit seinem Karabiner abgibt. Da schlägt eine Garbe hinter
uns ein. Dem Unteroffizier rechts von mir riß ein Geschoß das Tarntuch des Helms auf. Jetzt schießt er auch noch mit Granatwerfer herüber. Die Einschläge sitzen kurz hinter uns. Nach etwas warten. Verdammt, schießt unsere Arie nicht mehr? – Ich fasse in meine Manteltasche: Nun habe ich meinen Hyperion doch verloren. Macht nichts, ich hatte ihn fast zu Ende gelesen. Nach dem Krieg kaufe ich mir einen neuen. – Da schießt unsere Arie wieder. Jetzt weiter. Über offenes Feld, zwischen Granatwerfereinschlägen und smg-Feuer hindurch zurück in die alte Stellung. So, das wäre geschafft.
Blödsinn war es, mit dem ersten Zug einen Gegenstoß machen zu wollen. Nun, man hat es aufgegeben. Ich futtere erst mal eine Stulle. Nach und nach kommt der 1. Zug zurück. – Vorläufig hat der Russe genug.
Doch gegen Mittag wird er wieder lebendig. Drüben am Horizont der Höhe tauchen die Kolosse von Panzern auf, einer nach dem andern, bis ein gutes Dutzend die Höhe herab auf uns zu kommt. Es wird mulmig. Doch da kommen schon unsere Stukas. 10 Maschinen kreisen über das Gelände, suchen ihre Opfer. Eine nach der andern kippt herab und landet ihre Bomben. Ein paar Panzer brennen lichterloh. Zwei erledigt die Pak. – Am Abend, nach Dunkelwerden – gehen Zimmermann und ich ins Tal hinab, um Weuseritt zu holen.
Zwei vom Kompanietrupp helfen tragen. Das war ein mühseliger Weg. Der starre Körper wog schwer, der Blutgeruch verschlug einem den Atem. Armer Kurt, deutest du dein Schicksal, als du am Abend vorher zu mir sagtest: „Morgen greift der Russe an“?
Als wir zur Kompanie zurückkommen, gibts Essen. Muß sofort und schnell gegessen werden, sonst wirds zu Eisklumpen. Ebenso der Kaffee. Läßt sich nicht verwahren.
Wir sind gerade in unsere Löcher gekrochen, da kommt Alarm: „Der Russe ist durch den dritten Zug gebrochen! Wir machen einen Gegenstoß!“ Schnell die Kästen her, Pistole umgeschnallt, und dann los! Jetzt gilts. Unheimlich die Dunkelheit. Man kann nur durch Rufen Verbindung halten. Schon sind wir im Gefecht. Tolle Knallerei. Links von uns das ohrenbetäubende Knallen der im Erdbeschuß eingesetzten Fla. Leuchtspur zischt um unsere Köpfe. – „Wo ist Scharfschwert?“ „Hier Scharfschwert. 1. Gruppe folgen!“ Hinz hat mir seinem MG Ladehemmung. Verflucht, wenn ich jetzt ein Gewehr hätte. Da rattert rechts von mir ein MG los. Ich hin. Ist vielleicht Hinz. Nein, MG der zwoten Gruppe. Zwei Minuten drauf ist der Richtschütze, Ogefr.
Witt, gefallen. Brinker, Schütze zwo, Rückenschuß. Da ist Hinz wieder. Wir bringen unser MG in Stellung. Öl aufs Schloß. So, jetzt funktionierts. Und hinein, was das Zeug hält. Die Fla hat die Strohschober vor uns in Brand geschossen, die nun lichterloh brennen. Gespenstische Helle flackert über die Schneelandschaft. Da ist unser Major, mitten unter uns. Kurzes Verhalten in Deckung. Ich schnappe mir ein russisches Gewehr. Ist leider leergeschossen. Versuchs mit deutscher Munition. Geht nicht. Es geht weiter. Auf marsch, marsch! Durch eine Mulde. Über gefallene Russen hinweg. Da ein gefallener Deutscher. Im Vorbeigehn hebe ich ihn auf. Verwundet? Ich sehe in verglaste Augen: tot. Weiter. Da vor uns im Graben sind noch Russen. Handgranaten rein! Was noch lebt, kommt mit erhobenen Armen, angstwimmernd heraus. Rechts und links wird das Gelände abgekämmt. Vorsicht, Minen! Noch einige Gefangene. Dann Schluß. Befehl vom Kompanieführer: Erster Zug bleibt hier und bezieht Vorpostenstellg. Die erste Gruppe, Scharfschwert und drei Mann nehmen Beobachtungsposten in dem zerschossenen Haus auf der Höhe. Verflixt unangenehme
Aufgabe. Wir stapfen durch den Schnee hinauf. Schwelende Trümmer zwischen vier Wänden. In einer Ecke klägliches Miauen. Unter dem Schutt lebt noch eine Katze. Vor jedem Fenster ein Beobachtungsposten. So, was wird nun kommen? Eine Zeitlang Ruhe. Zimmermann und ich werden zurückgeschickt, Brotbeutel, Zellbahn u. Übermantel aus der alten Stellung rüber zu holen. Unser Weg geht zurück über das von gefallenen Russen bedeckte Angriffsfeld. Im Vorbeigehen schnappe ich mir einen Russenbeutel. Da ist noch Zwieback drin. Eiserne Portion. Der tut uns gut. –
Wir sind noch nicht lange mit den Klamotten zurückgekommen, da werden wir plötzlich zurückgeholt: „Schnell, schnell. Der Russe zieht links an uns vorbei in großen Scharen.“ Von unserer Vorpostenstellung aus hatten wir ihn nicht sehen können. Jetzt aber dalli! Zurück zur Kompanie. „Kompanie macht einen neuen Gegenstoß.“ Es ist vielleicht 2 Uhr nachts. Meine Knochen schmerzen vom Gewicht der Munitionskästen. Dazu die schlaflosen Nächte – auf einmal fühle ich mich grenzenlos müde, gleichgültig, teilnahmslos. Doch es bleibt keine Minute zum
Verschnaufen, keine Weile der Besinnung. Der 1. Zug ist links eingesetzt worden, die Kompanie geht aus der Bereitstellung zum Angriff über. Es muß schnell gehen, es ist keine Zeit zu verlieren. Ich werde mit einer Meldung zum Kompanieführer geschickt. Kaum bin ich zurück, muß ich nach vorne, erkunden, ob noch Leute vom dritten Zug vor uns sind. Ich bin gerade 200 m vorgegangen, da fängt die Fla, rechts vom ersten Zug, an zu schießen. Ich liege genau im Schußfeld. Die Leuchtspurgeschosse knallen dicht rechts und links an mir vorbei, über mich hinweg. Sind die verrückt geworden? Rufen zwecklos. Siedend heiß läuft es mir über den Rücken. Ich mache, daß ich zurückkomme. „Herr Feldwebel, warum schießt jetzt schon unsere Fla?“ „Sind Leute von uns vorne?“ „Ich weiß nicht. Zuerst muß das doch mal festgestellt werden, ehe geschossen wird!“ Beim Vorgehen stellt sich heraus, daß das, was wir für lebende Schützen hielten, tote Russen waren. – Der Angriff geht los. 1. Gruppe am äußersten linken Flügel. Ein sMG deckt unsere linke Flanke. Im Tal links von uns sind welche. „Halt wer da?“ Keine Antwort. Das sMG schickt ein paar Garben herüber. „Nicht schießen, hier Neunte.“
Es hat noch gut gegangen. Die Neunte schließt sich links von uns an. Eine Weile drauf stöbern sie 40 Russen auf. Ein Teil wird erschossen, ein Teil ergibt sich. Das hätte für uns übel werden können! Mit Hurra! geht es jetzt vorwärts, unaufhaltsam. Hinter einer Senke stehe ich plötzlich einem Haufen vom zwanzig Russen gegenüber. Zwei, drei Pistolenschüsse hinein, da werfen sie schon ihre Gewehre weg, ihre Helme und Brotbeutel. Unter ängstlichem Schreien laufen sie uns mit erhobenen Armen entgegen. „Stalin kaput“ rufen einige. Andere fallen einem vor Dankbarkeit um den Hals, daß wir sie leben lassen. Ich untersuche mit zwei andern Kameraden die Kerle nach Waffen. Zimmermann geht mit dem Haufen rückwärts. – Nicht lange darauf haben wir die alte Stellung des dritten Zuges erreicht, die vom 1. Zug besetzt wird. Von hier aus können wir das vor uns liegende Tal gut beherrschen. Ich liege mit Hinz in einem sehr engen Loch, das eigentlich nur für einen Schützen berechnet ist und nur bis zur Brust Deckung bietet. Der Hang, an dem wir liegen, fällt nach vorne und nach links ziemlich steil ab. Von einem russischen MG., das in etwa 1000 m Entfernung links von uns
auf einer Höhe in Stellung gebracht ist, erhalten wir starkes Feuer, das zwar wenig Wirkung verspricht, uns aber immerhin in Deckung zwingt. So kauern wir zwei MG-Schützen uns möglichst tief in das enge Loch hinein.
Inzwischen geht vor uns groß und herrlich die Sonne auf. Ein Regenbogenstück steht hell gegen graue Schneewolken – ein Stimmungsbild von seltener Schönheit und Eindruckskraft. Die Nacht mit all ihren Schrecken ist vorüber, sieghaft steigt über uns der neue Tag herauf. Was wird er uns bringen? Werde ich den Abend noch erleben. So viele sind nun schon von uns gefallen, daß ich mich schnell mit dem Gedanken des Todes vertraut gemacht habe. Schon mehr als einmal habe ich ihm jetzt ins Auge gesehen, mehr als einmal griffen seine Knochenhände nach mir. Links und rechts von mir traf es manchen Kameraden, ich selbst bin immer noch unversehrt. Herrgott, mach mit mir, was Du willst! –
Das russische MG von links läßt uns keine Ruhe. Man braucht nur den Kopf ein wenig zu heben, um gleich eine Garbe auf sich zu ziehen. Allmählich wird es mir zu bunt. Ich springe zum Nachbarloch herüber, ungeachtet der neuen Salven, um mir von Scharfschwert das Fernglas zu
Passierschein
Vorzeiger dieses wünscht kein sinnloses Blutbad im Interesse der Juden und Kommissare. Er verläßt die geschlagene Rote Armee und geht auf die Seite der deutschen Wehrmacht über. Die deutschen Offiziere und Soldaten werden den Überläufer gut behandeln, ihn verpflegen und für Beschäftigung sorgen.
Der Passierschein gilt für eine unbeschränkte Anzahl von Offizieren und Soldaten der Roten Armee, die zur deutschen Wehrmacht übergehen
leihen. Nach langem Suchen habe ich das MG ausgemacht. Gerade will ich unser MG in Stellung bringen, um dem Burschen da drüben eins aufzubrennen, da ruft Scharfschwert herüber: „Das hat keinen Zweck. Der ist zu weit. Springen Sie lieber zur Pakstellung hinter uns. Die sollen mal ein paar Schuß rüberschicken.“ Gesagt, getan. Der Feldwebel der Panzerjäger lehnt jedoch meinen Vorschlag ab mit dem Bemerken, es sei nur noch wenig Munition da, die sparsam verbracht werden müsse. Als ich von Kameraden höre, daß unsere Frühstücksstullen auf dem Kompaniegefechtsstand liegen, mache ich mich auf, die Stullen für den ersten Zug zu holen. Zugleich will ich auch eine Zeltbahn, die ich in der vergangenen Nacht dort zurückließ, holen. Ich presche also los. An der Front ist jetzt Ruhe. Nur einige Stuckas kreisen am Himmel. Als ich zwanzig Minuten gegangen bin, muß ich feststellen, daß ich eine ganz falsche Richtung eingeschlagen habe. Nun, da die Sonne hell über das weite schneebedeckte Gelände scheint, vermag ich mich überhaupt nicht mehr darin zurechtzufinden, da ich es bis jetzt nur bei Nacht sah. Nach einigem Hinundher finde ich endlich doch mein Ziel. Die Stullen
sind schon abgeholt. Von Breuer erfahre ich, daß unter den 16 Toten unserer Kompanie auch Leo Jakobi ist, jener feine blonde Kerl aus Köln, der mit uns beiden die ganze Ausbildungszeit in Hamm und Rheine und den Lehrgang in Elberfeld und Lingen mitgemacht hat. Ich kann es anfangs nicht fassen. Leo tot! Er war einer der besten, die ich in der Kompanie kannte.
Der Rückweg führt mich über die Stätte des Kampfes. Da liegen die Hunderte von Toten, die den Russen der Durchbruchsversuch gekostet hat. Er hat unsere 16 Toten wirklich teuer bezahlt. Soweit ich sehe, überall tote Russen, entsetzlich verstümmelte Leichen. Einige vornübergefallen, das Gesicht am Boden, der Stahlhelm beiseitegerollt, das Gewehr noch in der starren Hand. Andere liegen auf dem Rücken, die Arme sind auseinandergebreitet und in dieser letzten Geste des Schreckens erstarrt, die Augen im schreckhaft verzerrten, blutüberströmten Gesicht weit aufgerissen. Da liegt eine Leiche, um die Feuer züngelt. Die Uniform ist schon teilweise vom Körper heruntergebrannt, das nackte Fleisch ist verkohlt. Über diesem - Grauen liegt ein schwerer Ge-
ruch von Brand und Blut. Einige Hundert von den Millionen, die einer wahnsinnigen Utopie der größten Lüge der Weltgeschichte, geopfert wurden ...
Bevor ich in meine Stellung zurückkomme muß ich mich nochmal gründlich verlaufen. Ich gerate ahnungslos einige hundert Meter weit ins Niemandsland hinein. Scharfschwert kriegt einen nicht geringen Schrecken, als er mich vom Russen her zurückkommen sieht, und ist froh, als ich wieder im Loch bin.
Mittags tauchen plötzlich am Horizont, noch einige Kilometer entfernt, aber deutlich zu erkennen, große Scharen von Russen auf. Aha, das bedeutet wohl ein neuer Angriff. Sofort werden Vorbereitungen zur Verteidigung getroffen. Ich schachte mein Loch noch etwas tiefer, binde mir eine gefundene russische Unterhose zur Tarnung gegen den Schnee um die Hurratüte und lege vier russische Gewehre bereit, damit ich auch etwas zum schießen habe. Die 16 Schuß fassenden Magazine fülle ich aus gefundenen russ. MG Trommeln nach. Munition ist genug vor-
handen. Das Spiel kann beginnen. Doch es wird Abend, ohne daß der Russe näherkommt. Die beobachteten Haufen ziehen sich nach links herüber. Bis zum Dunkelwerden kommen, von weitem schon mit weißen Tüchern winkend, eine Anzahl einzelner russischer Überläufer herüber. Einer kann sich nicht entschließen, das Gewehr aus der Hand zu legen. Diesbezügliche Aufforderungen durch Zeichen mißversteht er und legt sich plötzlich hin. Er erweist sich aber als harmlos, obwohl erst wir ihm, als er endlich ganz herangekommen ist, das Gewehr aus der Hand nehmen müssen. –
Die Nacht verläuft ruhig. –
Freitag, den 5.XII.
Lebhafte Artillerietätigkeit auf beiden Seiten, ein von Stukas abgewehrter Panzerangriff und fortwährendes flankierendes SMG Feuer auf unsere Stellung – das war der heutige Tag, der uns von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ununterbrochen eng geduckt und
untätig in den Löchern hocken sah. Wir durften es nicht wagen, die Deckung einmal zu verlassen, um uns durch etwas Bewegung warm zu machen. So wurde die Kälte unerträglich. Ein anderer, der es nicht mitgemacht hat, wird nicht ermessen können, was es heißt, von morgens bis abends, Stunde um Stunde, bei 30 Grad Kälte, nur mit Mantel und Zeltbahn versehen, ohne Essen, ohne Trinken, in unbequemster Lage, die Beine an den Körper herangezogen stumpfsinnig in einem Erdloch zu hocken und ständig das Pfeifen der Geschossen über sich zu hören und das Krachen naher Granateinschläge zu hören. Ein Sturmangriff kann schön sein, die Abwehr eines Feindangriffs ungemein spannungsreich – aber dieses untätige, stumpfe Leben im Loch ist wahnsinnig, elender als der Hund es in der Hütte hat. –
In der Nacht legt unsere Kompanie im Vorfeld Minen. Unser erster Zug übernimmt daher die Sicherung. So liegen Hinz und
ich mit unserm MG stundenlang im Schnee, die Augen ständig in das Dunkel vor uns gebohrt, ständig beobachtend, obwohl die übermüden, schlafentwöhnten Augen immer wieder zufallen wollen. Und die Kälte kriecht von den Füßen herauf und schüttelt den Körper in namenlosen Schauern. –
Samstag, den 6.XII.
Unser erster Zug ist wieder in seine erste Stellung zurückgekehrt. Wieder ein schrecklich langsamer und eisigkalter Tag im Loch. Statt des stürmischen Nordwindes der ersten Tage haben wir jetzt Südwind, der uns wieder viel Schnee bringt. –
Auch der Sonntag verläuft verhältnismäßig ruhig. In der Nacht kommt Alarm: Der Russe soll in unsere Pakstellung eingebrochen sein. Der erste Zug muß die Suppe, die sich andere eingebrockt haben, mal wieder auslöffeln. Wir gehen über die Höhe hinweg vor. Hier oben bekommen wir von links, von rechts, von vorn unverschämtes MG-Feuer, daß wir
weder ein noch aus wissen. Die Leuchtspurgarben singen dicht über unsere Rücken hinweg, und ist ein Wunder, daß alle von uns leben bleiben. Als wir die Pak-Stellung erreicht haben, ist sie leer. So leicht haben wir noch nie eine Stellung genommen. Zur Sicherung werden Vorposten vorgeschickt und Streifen aufgestellt. Ich habe zuerst Streife, dann Beobachtungsposten. Um 1 Uhr löst mich Hinz ab, sodaß ich mich etwas aufs Ohr legen kann. Nicht lange jedoch. –
Kaum habe ich eine Stunde geschlafen, als wir geweckt werden. „Kompanie wird abgelöst.“ Das ist das Wort, auf das wir schon seit Tagen warten. Wir packen unsere wenigen Sachen zusammen und gehen zum Bataillonsgefechtsstand zurück. Leider soll uns hier noch eine Enttäuschung bereitet werden. Fw. Hahn erhält vom Major den Auftrag, mit dem ersten Zug – der nur noch 11 Mann stark ist – eine Gefechtsvorpostenstellung zu beziehen für die Dauer von 24 Stunden, bis das Bataillon abgelöst ist. Eine Fla und ein sMG standen uns zur Verfügung. Die Stellung muß erst
noch ausgehoben werden. Sofort wird damit begonnen, und bis zum Morgengrauen sind ein paar flache Schützenmulden ausgehoben. Weiter konnten wir nicht arbeiten, denn der Boden war steinhart gefroren, und schon früh einsetzende gegnerische Artillerietätigkeit zwang uns, in volle Deckung zu gehen. So lagen wir den ganzen Tag flach auf der Erde ohne uns zu rühren, fast ohne Schutz gegen russ. sMGs, in deren Feuerbereich wir lagen und ohne Schutz gegen Artillerie, von der wir vom Morgen bis zum Abend unerhört beharkt wurden. Etwas Deckung vor Sicht boten uns die Stauden des Maisfeldes, in dem wir lagen. Als ich von Fw. Hahn mehrmals mit Meldungen zum SMG oder zu einem Gruppenführer geschickt wurde (Verständigung durch Rufen war wegen der weiten Zwischenräume der einzelnen Löcher ausgeschlossen), konnte ich die weiten Strecken nicht anders als durch „Robben“ zurücklegen. Zum Unglück hatte tagsüber – zum erstenmal seit 10 Tagen – Tauwetter
eingesetzt, und vom geschmolzenen Schnee war die obere Bodenschicht ganz aufgeweicht. Durch diesen Dreck mußte ich zwischen Maisstauden hindurch im Übermantel kriechen, ständig darauf bedacht, mich und damit die ganze Stellung durch unvorsichtiges Benehmen dem Feind nicht zu verraten. –
Wie wohl tat es, nach Anbruch der Dunkelheit aufstehen und seine steifgewordenen Glieder bewegen zu können! Kaum war die Sonne untergegangen, als Fw. Hahn durchs Feldtelefon, das die Stellung mit dem Bataillon verband, von unserer baldigen Ablösung benachrichtigt wurde. Gott sei Dank! Doch es vergingen ein, zwei, drei Stunden – und wir lagen immer noch draußen. Immer wieder rief Fw. Hahn das Bataillon an. Zuerst meldete sich der Unteroffizier der ablösenden Einheit: „Zuerst wollen wir mal Abendessen.“ Verdammt noch mal, wir liegen schon 8 Tage hier und haben seit 24 Stunden nichts gegessen und getrunken, und die kommen von hinten und müssen sich erst nochmal satt essen. Wir fluchten nicht schlecht. Das war aber
auch eine Schweinerei! Dann war lange Zeit keine Verbindung zu bekommen. Immer wieder klöhnte der Apparat. „Hier Gefechtsvorposten Springbrunnen. Ist dort Alpenveilchen?“ Nach langem Warten endlich Nachricht. „In 5 Minuten sind wir da!“ Aus den 5 Minuten wurde nochmal eine halbe Stunde. Dann war es soweit.
Völlig erschöpft, doch die letzten Kräfte zusammenraffend, traten wir den Rückweg an. Es galt noch einige Kilometer zu marschieren bis zu der Straße, von wo uns ein LKW in unser Quartier bringen sollte. –
Ein warmes Zimmer! Acht Tage lang war das nur ein Wunschbild. Ein starker Mief ist hier ja allerdings. Und eng ist es auch. Für acht Mann reichlich eng. Doch macht nichts. Hauptsache: es ist warm. Und Essen ist auch da. Das ist das Erste: Essen und nochmals Essen. Dann die Stiefel runter, die 14 Tage nicht mehr ausgezogen waren, und sich hingehauen, wo man gerade steht. Es ist schon Mitternacht vorbei. Wir schlafen bis in den kommenden Mittag hinein.
Mittwoch, den 10.XII.
Nun liegen wir schon den zweiten Tag in Ruhe. Wir kennen nichts als Schlafen und Essen. –
Gestern waren alle beim Arzt. Fast die ganze Kompanie ist krank. Die meisten haben Frost in Händen und Füßen, andere Grippe und Rheuma. In den Fingerspitzen und Zehen brennt es wie Feuer, Lippen und Nase sind aufgedunsen, die Knochen müde und schlapp. Der Gestank in dieser Bude ist auf die Dauer unerträglich. Nachts bricht einem der Schweiß aus, so stickig ist die Luft. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, und mit Gewalt müssen es wir bei den Hausbewohnern durchsetzen, daß die Türen einmal eine Viertelstunde geöffnet bleiben. – Unsere „Wirte“: Ein struppiger, flachsblonder, bartstoppeliger Alter mit gutmütigem Gesicht – wie alle Russe, Matka mit schwarzen Haaren und schlampigen Kleidern, die Tochter mit ihrem Ehegespons und zwei kleinen Gören, deren unaufhörliches Quäken und Schreien uns tagsüber aufregt, bei Nacht nicht schlafen läßt und auf die Dauer an den Nerven reißt; und schließlich ein 14 jähriger Bengel, der für eine Zigarette alle Dienste tat, selbst seine
Mutter Berta beklaut, um uns ein paar Piroggen (Gebäck mit Kürbiskompott) geben zu können. Matka wäscht mit wachsender Begeisterung unsere Wäsche, sie nimmt jedes umherliegende Wäschestück und wäscht es, ohne lang zu fragen. Sie spült unsere Kochgeschirre, versorgt uns mit „Chleb“ (Brot), Gurken und Zwiebeln und läßt uns auch schon mal von ihrer – übrigens garnicht übel schmeckenden – Gemüsesuppe kosten. Unbeschreiblich ist ihre Angst, wenn einmal fernher Artilleriefeuer zu hören ist, oder eigene Flak einen roten Bomber beschießt. Dann reißt sie ihre Augen fassungslos weit auf, murmelt „Puk-puk“ (die kleinen Kinder bei uns machen „bum-bum“) und fragt uns zitternd, ob die Bolschewiki zurückkämen.
Außer Tabak – Wodka gibt es schon lange nicht mehr – scheint das einzige Genußmittel der leute Sonnenblumenkerne zu sein. Sie bieten das Zeug auch uns an, als „russisch Schokolat“. Vom kleinsten Gör bis zum alten Pan kaut alles von morgens bis abends schmatzend und knackend Sonnenblumenkerne. Immer mehrere auf einmal in den Mund gesteckt, die Schalen werden ausgespuckt. Sie haben eine erstaunliche Routine darin. –
Mittwoch, den 17.XII.
Meine Lieben daheim!
Nun bin ich mit meinen Aufzeichnungen über meine Erlebnisse der letzten 14 Tage an den Punkt angelangt, wo die Vergangenheit aufhört, wo Gegenwart ist und Zukunft beginnt. Weihnachten steht vor der Tür. Ob wir bis zum Fest nochmal eingesetzt werden? Ich glaube es nicht. Ich habe Frost im 3. Grad an beiden Füßen und bin „bett“lägerig. Die Füße sehen schlimm aus. Die Schmerzen sind noch gering, doch werde ich noch manches auszuhalten haben, wenn die Nerven erst wieder lebendig weden.
Warum schrieb ich Euch dies alles? Die Tage der Ruhe gaben mir Zeit genug, über die starken Erlebnisse der vergangenen Tage nachzudenken, und wie von selbst greift die Hand zum Stift, das Erlebte festzuhalten. Einmal für Euch, Ihr Lieben, damit Ihr wißt, wie es mir ergangen ist, und für mich selbst zur Erinnerung für später.
Augenblicklich liegen wir mit 10 Mann dichtgedrängt in einem miefigen Raum neben
einem Ziegenstall, der abends (um 4 Uhr ist es schon dunkel) von einer offenen Petroleumsfunzel kümmerlich erhellt wird. Wir behandeln unsere erfrorenen Füße, knicken Läuse und gedenken wehmütig vergangener Zeiten. Post haben wir schon drei Wochen keine mehr erhalten. Doch weiß ich Eure Gedanken und Gebete bei mir, wie die meinigen bei Euch Lieben sind. Alles geht vorüber, auch dieses Elend. Es ist gut, das alles mal mit durchzumachen. Ich habe dann das Gefühl, daß Gott es besonders gut mit mir meint.
Und nun will ich schließen. Hoffentlich erhalte ich bald einen Brief von Euch. Und hoffentlich kann ich Euch im nächsten Brief Schöneres schreiben, als in diesem.
Es grüßt Euch herzlich
Euer Gisbert