Gisbert Kranz an seine Familie, 9. Dezember 1941

Rußland, den 9.XII.41

Meine Lieben!

Gestern sind wir nach einer Woche größter Entbehrungen und harter Kämpfe abgelöst worden. Es war bitter nötig, denn uns allen sind die Füße erfroren. Ihr werdet es mir garnicht glauben, doch es ist so wie ich schreibe: 8 Tage und 8 Nächte lang haben wir bei Schnee und Nordwind und Frost bis zu 30 Grad unter Null, nur mit unsern beiden Mänteln und der Zeltbahn versehen, in unsern ungeschützten Stellungen, die wir uns in der ersten Nacht mit großer Mühe in den von Frost wie Fels gewordenen Boden gehauen hatten, ausgehalten. Der Russe versuchte in unserem Abschnitt immer wieder durchzubrechen, und griff fast jeden Tag mit großen Massen, unterstützt von Panzern, Artillerie und Bombern an. Wir schlugen ihn immer

wieder zurück und machten mehrmals einen Gegenstoß. Hunderte von gefallenen Russen bedeckten das Kampffeld. Doch auch unsere Kompanie hatte viele Verluste. Gleich am ersten Tag fiel neben mir ein Kamerad aus meiner Gruppe. Ich habe oft derart im Feuer von Artillerie u. Infanteriewaffen gelegen, daß es wie ein Wunder ist, bis jetzt noch unverwundet zu sein. Ich werde diese eiskalten Dezembervollmondnächte im Graben, das Erleben des Sturmangriffs bei Nacht, dieses schaurig-schöne Schauspiel im Flammenschein brennender Häuser und Strohstaken nie vergessen. Es kommt mir so vor, als sei das alles nicht in einer Woche, sondern in vielen

Wochen geschehen, so mannigfach sind die Eindrücke, so intensiv das Kampferleben. Jetzt fehlt es mir an Zeit, Abstand und Kraft, die Erlebnisse alle aufzuzeichnen. Dies wenige, mit froststarren Fingern geschrieben, muß Euch, Ihr Lieben daheim, einstweilen genügen. Fürs erste genießen wir die Wohltat des Schlafes im geheizten Raum, der uns nach den vielen schlaflosen Nächsten not tut. Und dann nach 8 Tagen wieder genießbares Essen! Die Verpflegung, die nach vorne kam, war gut, doch war die Suppe und der Kaffee meist kalt geworden, als er ankam,

und mußte sofort getrunken werden, da der Kaffee in der Feldflasche schon nach einer halben Stunde nur noch ein Eisklotz war. Das Brot und auch das Fett war steinhart gefroren und kaum genießbar. Ihr macht Euch von der Härte dieser hier nur angedeuteten Strapazen gar keine Vorstellung. An Körperpflege war natürlich hier überhaupt nicht zu denken.

Ich muß schließen, da es dunkel wird und wir in unserm Quartier kein Licht haben. Wie lange diese Ruhe noch dauern wird, weiß ich nicht. Vorläufig sind wir jedenfalls noch nicht einsatzfähig. – Hoffentlich erhalte ich bald Post von Euch Lieben, von denen ich 14 Tage lang nichts mehr gehört habe.