Gisbert Kranz an seine Familie, 24. Dezember 1941
[Mariupol]
24.XII.1941.
Meine Lieben!
Nun liege ich im Lazarett 100 km hinter der Front. In den nächsten Tagen werde ich wohl mit einer Ju 52 weiter rückwärts transportiert werden. Es geht mir sehr gut. Meine Füße sind noch nicht so schlimm, wie sie bei andern Kameraden schon sind. Schmerzen habe ich keine. Sogar laufen kann ich noch.
Das Feldlazarett, in dem ich liege, ist in einem großen, mehrstöckigen, modernen Bau untergebracht. Wir haben hier Zentralheizung, fl. Wasser, elektr. Licht und Radio. Zum erstenmal seit 4 Monaten liege ich wieder in einem richtigen Bett. Diese Wonne! Die Verpflegung ist tadellos. So brauche ich mich über nichts zu beklagen. Ich hätte nicht gedacht, Weihnachten so schön verbringen zu können. Meine Kameraden liegen jetzt draußen
in Stellung. Es friert wieder mächtig. Sie müssen Weihnachten ohne Wärme und ohne Licht verbringen, vielleicht sind auch schwere Kämpfe zu bestehen. – Leider habe ich immer noch keine Post von Euch erhalten. Die Weihnachtspost wird in der Kompanie kaum vor Neujahr eintreffen. Und bis ich dann meine Pakete im Lazarett nachgeschickt bekommen habe, vergeht wieder lange Zeit. Es wäre schade, wenn mich Eure Liebesgaben nicht erreichen und an Euch wieder zurückgehen würden. Weiß ich doch, daß Ihr mir alle Wünsche erfüllt habt, soweit es in Euren Kräften steht.
Doch was die Hauptsache ist – und worüber ich mich am meisten freue - : Morgen werde ich Gelegenheit haben, am hl. Opfer teilzunehmen. Hier ist ein kath. Kriegspfarrer, und auch unter dem Sani-
tätspersonal sind viele Geistliche. So geht nun doch mein sehnlichster Weihnachtswunsch in Erfüllung: den Herrn empfangen zu dürfen. Ich will morgen Eurer im Gebete besonders innig gedenken, weiß ich doch, daß auch Ihr mich in Euer Gebet einschließt. Für Mutter habe ich an ihrem Geburtstage besonders gebetet. –
Samstag erhielt ich ganz plötzlich Bescheid, daß ich mit zwei andern der Kompanie zum Hauptverbandsplatz und von da aus ins Lazarett sollte. Die Kompanie war gerade im Begriff, in einen Nachbarort umzuziehen und hatte bereits alles auf die LKWs verladen. So hatte ich nicht mehr Zeit, schnell die nötigsten Sachen vom Wagen zu holen und mußte ohne Wasch- und Rasierzeug und ohne meine Schreibutensilien zum Hauptverbandsplatz fahren. Da der Abtransport ins Lazarett sich noch bis Dienstag aufschob, konnte
ich Montagnachmittag nochmal zur Kompanie, meine Sachen zu holen und noch einiges zu regeln. Allerdings mußte ich dabei einige Kilometer laufen, was jedoch leidlich ging.
Auf dem Hauptverbandplatz besuchte uns regelmäßig morgens und abends der evgl. Divisionspfarrer und brachte uns Zigaretten und die neusten Neuigkeiten mit. Er hatte schon den Weltkrieg als Kompaniechef mitgemacht und war zu Anfang dieses Krieges Pionierhauptmann, trägt neben andern Auszeichnungen die Spange zum EK II 1914, das EK I 1914 und das Kriegsverdienstkreuz I. Kl. mit Schwertern. Er sprach mit uns sehr kameradschaftlich und saß abends oft eine ganze Stunde unter uns, um uns vom Weltkrieg zu erzählen. Einmal kam das Gespräch auf auf die religiöse Lage in Rußland und Deutschland, auf die Glaubenspaltung und
die Versuche, das Christentum bei uns auszurotten. Dabei zeigte sich der Pfarrer als tief religiöser und echt christlicher Mann, der die gegenwärtige Lage richtig beurteilte und für die Zukunft auf Gott baute. Am 4. Advent hielt er uns eine schöne Predigt über die wahre Freude im Anschluß an Phil. 4, 4-7. Das war wohl das Beste, was der Mann uns jetzt und in dieser Lage sagen konnte, und er tat es in einer so feinen Art und Weise, wie ich schon lange keine Predigt mehr gehört habe.
Nun liege ich im Feldlazarett. Links von mir liegt ein 18 jähriger Gefreiter mit Bombensplittern im r. Bein. Rechts von mir ein sudetendeutscher, kath. Student, dem man das r. Bein abgenommen hat. Mit beiden Kameraden verstehe ich mich gut.
Gerade hat man einen großen Christ-
baum in unserm Raum aufgestellt, einen echten Tannenbaum sogar. Weiß der Teufel, woher man den besorgt hat; hier unten in dieser Gegend habe ich noch keinen Wald, geschweige Nadelwald gesehen. Nun sind ein paar Kameraden dabei, den Baum mit Kerzen und Lametta zu schmücken. Soeben kam der Oberzahlmeister und gab jedem von uns zwei Tafeln Schokolade, eine Dose „Schokakola“ (Spezial-Schokolade für die Wehrmacht, 52,5 % Kakaobestandteile und Zusatz von Kaffee- und Kola-Bestandteilen, 0,2 % Coffeingehalt, in Blechdosen fugendicht verpackt), ferner eine Tüte feiner Bonbons und 34 Zigaretten. Du glaubst garnicht, liebe Mutter, was wir uns darüber gefreut haben.
Nun kommt uns auch der kath. Lazarettpfarrer besuchen, ein sympathischer, bei allen beliebter Mensch. Er bringt uns
Kerzen für den Tannenbaum und eine ganze Masse Bücher, deutsche Märchen, Erzählungen, die er mit gutem Sinn für den Geschmack und das Interesse des Einzelnen verteilt. Mir schenkte er ein feines theologisches Buch.
Und nun hören wir am Radio Musik. Glockengeläut und Weihnachtslieder wechseln ab mit Volksliedern und klassischer Musik. Eben spielte man das uralte Kölner Weihnachtslied „Es ist ein Ros’ entsprungen.“
Nun will ich schließen, meine Lieben, mit demWunsche, daß Ihr das Fest des Herrn in Freude und Liebe verbringt. Aus weiter Ferne, doch im Geiste Euch näher denn je
grüßt Euch herzlich
Euer Gisbert
Hier einige Verse, die ich neulich mit meinen Kameraden zusammen dichtete:
Das Haar ward uns zur Mähne,
Die Seife ward uns fremd.
Wir putzten keine Zähne
Und wechselten kein Hemd.
Es quatscht in Schuh und Socken.
Der Dreck spritzt bis ins Ohr.
Das einzige, was noch trocken,
sind Kehle und Humor.
Die Läuse krabbeln leise
am Arm und auf der Brust.
Der Landser in der Sch...
knackt sie mit großer Lust.
Im zähen Dreck der Straße
bleibt mancher Wagen stehn.
Wann wird der müde Krieger
Post aus der Heimat sehn?
Wir hockten lang im Bunker,
die Beine kalt vom Frost.
Der Magen bellt vor Hunger.
Die Waffen starrn von Rost.