Gisbert Kranz an seine Familie, 27. Dezember 1941
den 27.XII.41.
Meine Lieben!
Die Feiertage habe ich gut verbracht. Am Heiligen Abend sangen wir gemeinsam am brennenden Christbaum die uralten, trauten Weihnachtslieder, mit rauhen Soldatenkehlen, mit kranken, matten Stimmen, aber nicht weniger gläubig und andächtig, wie einst daheim.
Die Meßfeier am Weihnachtsmorgen war denkbar schlicht und einfach. Es leuchtete nicht das festliche Brokat goldener Meßgewänder, nicht ein Hochaltar im Schein unzähliger Kerzen; keine Krippe war aufgestellt, und kein feierliches Glockengeläut verkündete Christi Geburt. Und doch sahen die wenigen Soldaten, die stehend um den Tisch, der als Altar diente, versammelt waren, nicht die Armseligkeit des Äußeren. Sie vergaßen das Fehlen äußeren Gepränges und sahen nur das Wesent-
liche: den Herrn. So stieg er wie damals in Bethlehem in der Gestalt des Elendes herab und fand, wie damals, gläubige Menschen, die demütig ihr Knie vor ihm beugten. –
Gestern bin ich mit einem angehaltenen Auto nach dem 7 km entfernten Mariupol gefahren, um einmal aus der stickigen Lazarettluft herauszukommen. Die Schneeluft tat mir gut. Zugleich verband ich mit diesem Ausflug die Absicht, das Hauptfeldpostamt der Division aufzusuchen, wo ich Leute unseres Bataillons anzutreffen und also Post zu erhalten hoffte. Leider war die Mühe umsonst. Bei einem Frisör ließ ich mir die Wolle scheren und den Bart abnehmen. Ich hätte auch in ein Kino gehen können, doch dazu hatte ich keine Lust.
Ich rechne damit, bald mit einem Flugzeugtransport nach Dnjepropetrowsk oder
noch weiter rückwärts zu kommen. Es wird lange dauern, bis meine Füße wiederhergestellt sind. Die dicken Zehen wird man mir wohl abknipsen, denn die sind schon ganz schwarz verfault.
Hoffentlich habt Ihr die Weihnachtstage in froher Stimmung und ungestört von Fliegerangriffen verbringen können.
In der Hoffnung, bald (d. h. in drei bis vier Wochen) Post von Euch zu erhalten, grüßt Euch herzlich
Euer Gisbert