Gisbert Kranz an seine Familie, 4. Januar 1942

den 4.I.42.

Meine Lieben!

Ich sitze im Eisenbahnzug nach Lemberg, in einem französischen Wagen 2. Klasse. Heute morgen sind wir von Dnjepropetrowsk abgefahren. Der Assistenzarzt in der dortigen Krankensammelstelle sagte mir, der dicke Zeh müßte an beiden Füßen amputiert werden. Das heißt soviel, als daß ich mindestens für dieses Jahr nicht mehr kv. bin, denn ein Infanterist mit kaputten Füßen ist undenkbar. Wenn ich nicht in Lemberg bleibe, wird man mich wohl in ein Reservelazarett in der Heimat schicken, nach Kattowitz, Breslau oder sonstwohin. Doch wenn ich erst schon in Lemberg bin, will ich zufrieden sein. Denn hier sind wieder europäische Verhältnisse, und das bedeutet für einen Landser, der aus dem Schlammassel Rußlands herauskommt, sehr viel. Und

was die Hauptsache ist: Von hier aus wird auch die Postverbindung sehr schnell wiederhergestellt sein. Ihr könnt Euch denken, wie ich mich nach Nachricht von Euch sehne. Solltet Ihr die Weihnachtspakete wieder zurückbekommen haben, so könnt Ihr mir sie zurückschicken, sobald Ihr meine neue Anschrift habt. So werde ich dann wenigstens bis zu meinem Geburtstag (er ist dies Jahr der Tag meiner Großjährigkeit) meine Weihnachtsgaben bekommen haben. Vor allem lechze ich nach geistiger Nahrung. Ich habe die gewünschten Bücher sehr vermißt. In den letzten Wochen hätten sie mir gut die Langeweile vertreiben können. Ich habe die viele Zeit dazu benutzt, behilfs der Wörterbücher, die ihr mir schicktet, Russisch zu lernen. Dabei kann ich mich natürlich nur auf das Lernen von Vokabeln und häufig vorkommenden Redewendungen beschränken. Doch das genügt auch für die allgemeine Konversation. Grammatik und Syntax ist dazu nicht nötig. Hinzukommt, daß das Zeitadverbium „sein“

im Russischen kaum gebräuchlich ist. Bis jetzt beherrsche ich etwa 500 Vokabeln vollständig. Damit kommt man für den alltäglichen Bedarf schon aus. Leider habe ich jetzt nicht mehr viel davon. –

Wenn meine Füße geheilt sind – das kann noch drei Monate dauern – werde ich wohl zum Ersatzbataillon unseres Regiments nach Danzig kommen. Von hier aus hoffe ich, längeren Genesungsurlaub zu bekommen. –

Die Freude darüber, nach Deutschland zu fahren und die Aussicht auf Urlaub überwiegt die Schmerzen und die Gewißheit, jahrelang Last mit den Füßen zu haben. Es ist mein Wunsch, bald nach Deutschland zu kommen, in Erfüllung gegangen. Nun wird manches besser werden.

Die Fahrt von Mariupol nach Stalino und die schreckliche Sylvesternacht habe ich Euch schon erzählt. Die weitere Fahrt von Stalino nach Dnjepropetrowsk war ebenfalls eine via dolorosa. Sie dauerte entsetzlich lang: für die Strecke

von 300 km brauchte der Zug über 40 Stunden. Das war um so schlimmer, als der Zug ungeheizt war. Es waren italienische Wagen III. Klasse, die Dampfheizung funktioniere nicht, und für das Kanonenöfchen, das den ganzen Wagen heizen sollte, war zu wenig Holz zum Feuern da. Auch als wir Kohle vom Tender holten, kam keine Wärme in den Zug rein. Wohl viel Qualm. Zwei schlaflose Nächte bei starkem Frost – das war fast wie draußen in der Stellung. Zu essen bekamen wir beide Tage nichts, außer zwei Stullen Marschverpflegung und einer dünnen Wassersuppe vom Roten Kreuz einer Station. Das ist ein Verwundetentransport. Ich glaube, ich habe Rußland bis zum Rande genossen. Gott sei Dank nimmt das für mich nun alles ein Ende. Parole heißt: Heimat. Und dann wird alles anders.

Frohen Gruß

Euer Gisbert