Gisbert Kranz an seine Familie, 16. Januar 1942
Lemberg, den 16.I.1942.
Meine Lieben!
Nun bin ich schon zehn Tage hier, und die Hoffnung auf baldigen Abtransport ist nicht in Erfüllung gegangen. Hätte ich das geahnt, daß ich so lange noch hierblieb, würde ich Euch gleich meine Anschrift mitgeteilt haben. Dann hätte ich jetzt schon Post von Euch. Da es so aussieht, als ob ich noch länger hier bleibe, teile ich Euch nun meine Anschrift mit:
Sold. GK.
Reservekriegslazarett,
Universitätsklinik Block III a.
Lemberg (GG)
Schickt mir bitte gleich nach Erhalten dieses Briefes Post, aber noch keine
Pakete und nur dies eine Mal vorläufig; sonst gibt es wieder Durcheinander, wenn ich plötzlich wieder versetzt werde.
Ich bin gespannt, von Euch zu hören.
Hoffentlich ist es nur Angenehmes. Womit natürlich nicht gesagt sein soll, daß Ihr mir etwas Unangenehmes, Sorgen, Krankheit nicht schreiben dürftet. Ich will alles wissen.
Und wie es mir geht? Ausgezeichnet. Nur wird es auf die Dauer unerträglich, Tag und Nacht im Bett zu liegen, obwohl man ganz gesund ist, nur weil man mit den kaputten Füßen nicht aufstehen und laufen kann. Doch darin muß ich mich eben schicken. Wie gerne möchte ich einmal aufstehen können, um in die Bibliothek
zu gehen, die unserm Gebäude gegenüberliegt. Nicht einmal zum Gottesdienst kann ich gehen und auch nicht ins Kino, weil beides im Gebäude gegenüber ist.
Die Verpflegung – das sei Mutter zur Beruhigung gesagt – ist gut. Nur könnte man oft noch größere Portionen vertragen. Es ist eigentlich komisch: den ganzen Tag liegt man im Bett und faulenzt, doch Hunger hat man wie ein Wolf. Na, jedenfalls ein Zeichen von Gesundheit.
Ich grüße Euch alle recht herzlich
Euer Gisbert
Nb. Hoffentlich hat Karlheinz seinen Fahrtenschrieb fertig. Ich bin mächtig gespannt darauf.