Gisbert Kranz an seine Mutter Berta und Bruder Karl-Heinz, 2. Februar 1942

Neuruppin, den 2.II.41. [richtig: 1942]

Liebe Mutter!

Vielen Dank für Deine lieben Briefe vom 21. u. 31. Jan. und den Brief von Pars. Von den Büchern, für die ich Vater und Dir, vor allem auch Karlheinz – der gewiß viel zu den Besorgungen beigetragen hat – nicht genug danken kann, bin ich ganz begeistert. Einen Teil habe ich ja schon gelesen, und zur Lektüre der andern hoffe ich in meinem Urlaub Zeit und Muße genug zu finden.

Ich bleibe also in Neuruppin. Eine weitere Verlegung wird nicht stattfinden, es sei denn auf Antrag. Ich hoffe, daß Du mich noch in dieser Woche besuchen kommst, damit wir die Sache mit der Versetzung in ein Heimatlazarett drehen können.

Bis auf ein frohes Wiedersehen grüßt Dich herzlich

Dein Gisbert

Lieber Karlheinz!

Ich danke Dir herzlich für die beiden Bücher, die Du mir zu Weihnachten geschenkt hast. Du hast mir eine große Freude damit gemacht.

Darf ich Dir nun eine Bitte vorlegen? Ich habe bei Vollmer eine zweibändige Geschichte Rußlands bestellt. Gehe doch mal etwa in 8 Tagen vorbei und erkundige Dich, ob das Werk geliefert werden kann, und wann Du es abholen kannst. Das Geld schicke ich Dir. Ferne versuche mal, ob Du in einer Essener Buchhandlung folgende Werke für mich bestellen kannst:

1. Der Glockenturm. Russische Verse u. Prosa
Übertr. von S. v. Radecki
Scientia-Zürich 1940, 7,50 M

2. N. Gogol, Tote Seelen, übertr. v. S. v. Radecki
Rowohlt-Verlag Berlin 12,50.

Sage dem Buchhändler, falls er Schwierigkeiten machen sollte, es sei für Deinen Bruder, der

verwundet aus Rußland zurückgekommen sei und diese Werke in seinem Urlaub nach der Entlassung aus dem Lazarett lesen möchte. Wenn nötig, kannst Du auch erzählen, ich hätte russische Literaturgeschichte studiert und mir läge viel daran, diese Werke zu besitzen. Ich denke, man wird dann einem Soldaten den Wunsch nach zwei Büchern aufeinmal nicht abschlagen. Bitte sieh mal zu, ob Du das fertigbringst. Du weißt doch: „LschG.“ Ich würde es Dir sehr danken.

Wie froh wäre ich, wenn ich in ein Heimatlazarett kommen könnte. Dann könntest Du mich auch mal besuchen, und wir hätten uns gewiß viel zu erzählen. Und bald wirst Du gemustert – tatsächlich, Du wirst ja bald 18 Jahre! So ein Kerl!

Heil Dir!

Gisbert

Nb. Mußt Du unbedingt wählen, dann wünsche ich Nr. 2 von Gogol.

Der Bericht von meinem Silvestererlebnis hat Euch sehr ergriffen, wie Ihr schreibt. Es war nicht Schwäche, wohl vielleicht Bitterkeit, die mich das aufschreiben ließ. Ich mußte meinem Herzen Luft machen, und deshalb schrieb ich Euch ausführlich von dem, was uns widerfuhr. Vielleicht war es nicht klug von mir, diese Aufzeichnungen Euch zu schicken, da sie Euch beunruhigen mußten. Doch waren sie am besten dazu geeignet, Euch ein wahres Bild, abseits der Filmwochenschauen und PK-Berichte, von den Zuständen in Rußland zu bieten. –

Und nun endlich das, was ich eigentlich an den Anfang meines Briefes hätte setzen müssen: meinen herzlichen Dank für Eure Geburtstagswünsche. Vor allem danke ich Karlheinz für seinen Brief. Als ich ihn las, dachte ich zuerst, ein alter Professor schriebe mir, der mir aus seiner Lebensweisheit ein paar gutgemeinte Ermahnungen gibt, nicht ohne wehmutsvolle Träne der Erin-

nerung an die eigene Jugendzeit. Lieber Karlheinz! Rechnest Du mich denn schon zu den alten Menschen? Es ist allerdings wahr, daß die unbekümmerte Jugendzeit für mich vorbei ist. Doch nicht der 22. Geburtstag bildet diese Cäsur zwischen Jugend und Reife, sondern – wenn ich selbst das von mir sagen darf – das Erleben des Krieges. Doch hat der Anblick von soviel Tod und Wunden, der Anblick eines entseelten, zerbrochenen Volkes in mir nur umso stärker den Willen zum Leben auflodern lassen. Noch zittert in mir die Wucht der Erlebnisse und die Fülle der Entbehrungen nach, doch hoffe ich, daß mit der Zeit das Feuer der Jugend mir wieder neue Tatkraft und neue Zuversicht gibt. Es wird noch eine Zeitlang dauern, bis ich mein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden habe. Doch bin ich schon auf dem Wege der Genesung.

Es grüßt Euch alle herzlich

Euer Gisbert