Gisbert Kranz an seine Familie, 22. Februar 1942

Neuruppin, den 22.II.42. Sonntag.

Meine Lieben!

Vaters Brief vom 16. und Mutters Brief vom Freitagmittag habe ich erhalten. Herzl. Dank, auch für die vielen nachgeschickten Briefe, für die Illustrierten und die Briefumschläge. Über die alten Briefe habe ich mich sehr gefreut, vor allem über die langen Briefe Vaters. Karlheinz muß ich danken für die Fahrtenfotos. Eins behalte ich, die andern beiden schicke ich wieder zurück. Auf den Fahrtenbericht, den ich ja nun bald bekommen werde, bin ich sehr gespannt. Wie froh bin ich, daß nun die kostbaren Pakete zurückkommen. Schickt mir aber bitte nur einen kleinen Teil nach, da ich noch genug zu futtern hier habe. Auch Spirituosen brauche ich keine.

Wenn Ihr mir Wein schicken wollt, wie Mutter schrieb, so bitte ich um eine Flasche Weißwein (Rhein od. Mosel). – Anbei einen köstlichen Brief von Fritz, ferner die beiden versprochenen Fotos. Inzwischen haben wir wieder neue Aufnahmen gemacht, die ich Euch schicke, sobald sie fertig sind. Aber alles verwahren! –

Heute morgen bekam ich auch einen Brief von Tante Tonchen mit Zigaretten, von Tante Alox eine Karte. Josef Breuer schickte mir mit einem langen Brief aus dem Lazarett in Brünn den Totenzettel von Leo Jakobi, der in den Kämpfen bei Taganrog fiel. Er war in Hamm, Elberfeld, Lingen, Rheine u. auch in Rußland mit mir in derselben Kompanie. Ich erzählte Mutter von ihm. Ein äußerlich und innerlich sauberer Kerl. Den Eid den er vor fast einem Jahr im Angesicht des ganzen Bataillons auf die Fahne ablegte,

hat er gehalten und eingelöst. –

Mein Geburtshaus ist nun also auch zerstört. –

Karlheinz danke ich für die Madonna von Cranach und den Durchschlag. Obwohl ich schon von Fritz eine Abschrift bekam, werde ich ihn noch verwerten können. – Ich hoffe zuversichtlich, bald entlassen zu werden. Ich sehne mich danach, hier herauszukommen, einmal um Ruhe zu haben, dann, um wieder geistige und körperliche Bewegung zu bekommen. Paradox, aber wahr. Den ganzen Tag ist hier Betrieb, nie kann man sich in die Einsamkeit flüchten, ich bin an mein Bett oder doch zumindest an die Räume der Station gefesselt. Eigentlich darf ich immer noch nicht aufstehen, doch sitze ich wieder am Tisch, da ich es im Bett den ganzen Tag über nicht aushalte.

Abends werden noch zwei Stunden nach Zapfenstreich laute Gespräche geführt.

Schlafen kann ich dann nicht wegen des Lärms und hinausgehen kann ich auch nicht; so muß ich schon all diese gemeinen und geistlosen Reden anhören. Wenn ich in Urlaub bin, will ich mindestens den halben Tag ganz allein sein. Andererseits sehne ich mich nach Beschäftigung. Das faule Leben hier macht mich krank. Ich habe dieser Tage einen Aufsatz über „Dostojewski und der Bolschewismus“ begonnen, kann ihn aber hier nicht zu Ende bringen, da mir Ruhe u. nötige Unterlagen fehlen. –

Der Pfarrer war noch nicht hier. – Ich muß schließen, da meine Hand erlahmt.

Herzl. Grüße

Euer Gisbert