Gisbert Kranz an seine Familie, 27. Februar 1942
Neuruppin, den 27.II.42.
Meine Lieben!
Für die Bücher und Briefe, die ich gestern abend erhielt, ebenso für das Kuchen- u. Apfelsinenpaket meinen herzl. Dank. Eine volle Stunde habe ich an den Briefen gelesen, und es war eine große Freude für mich, aus all diesen Zeilen immer wieder Eure Liebe u. euer Gedenken zu sehen. Besonders interessiert hat mich Karlheinz Fahrtenbericht. Wie ich von Mutter hörte, muß das Tagebuch ihm ja ungeheuer viel Arbeit gemacht haben. Es soll Leute geben, denen ihre schriftl. Erinnerungen wertvoller sind als die Erlebnisse selbst, die nur Reisen, um nachher ihre Reiseerfahrungen u. –eindrücke aufzuzeichnen, und die nur leben, um ihre Memoiren schreiben zu können. Hoffentlich gehört Karlh. nicht zu ihnen. – Karlheinz Ausführungen über
die geistige Situation unserer Zeit und die Zukunft unseres Volkes habe ich mit großem Interesse gelesen, wenn auch nicht alles richtig darin ist. Wir werden uns später einmal darüber mündl. unterhalten. –
Heute morgen erhielt ich Euren Brief vom 25.II. Daß Karlheinz jetzt untauglich ist, hat wohl niemand erwartet. – Gut, daß Ihr inzwischen die Fälschung des angebl. Briefes des Obersten Mölders erkannt habt. Meine Meinung zu dem ganzen Manöver schrieb ich Euch bereits gestern. –
Klaus u. Vic. Holtmanns habe ich schon vor einigen Tagen geschrieben. Vom Tode des Herrn Schons las ich in der Zeitung. Übrigens möchte ich mich nochmal bei Vater bedanken dafür, daß er mir immer die Zeitungen nachschickt. – Wie ich aus einem der alten, nachgeschickten Briefe erfahre, ist mein Aufsatz „über den Dnjeper“ in der November Nr. der „Feldpost d. H.“ erschienen. Da ich diese Nummer nicht erhalten habe und auch wohl keine
Aussicht darauf besteht, daß die Zeitungen aus Rußland nachgeschickt werden, bitte ich Vater, zu versuchen, ob er noch ein Exemplar dieser Nummer von der Redaktion bekommen kann.
Augenblicklich lese ich mit großem Interesse das Buch „Der christl. Osten“, das sehr wertvolle Aufsätze enthält. Da ich wohl bald die Bücher von Dr. Gaillard u. von Dresen bekomme, habe ich vorerst Lesestoff genug. – Heute mittag habe ich einen Mordsspaß erlebt. Gestern Abend publizierte ich hier ein satyrisches Gedicht von 10 Strofen, auf unsere Stationsschwesster (sie heißt Martha von Erbach; Mutter hat sie hier kennengelernt), das auf die Melodie „Martha, Martha, du entschwandest“ von Flotow gesunden werden soll. Das Lied erregte im ganzen Haus Aufsehen und rief stürmische Heiterkeit hervor. Wer es gemacht hat, weiß niemand. Wüßte Schw. Martha, daß ich der Verfasser bin, würde sie mich ungekocht verzehren. Als ich nun heute Mittag auf meinem
Bett liege und in die Lektüre der Steeler Zeitung vertieft bin, erschallt auf einmal aus dem Tagesraum ein lauter Chor, von Ziehharmonika u. Teufelsgeigen begleitet, und durch die Türflucht sehe ich ein großes Gedränge von Soldaten und Schwestern, die sich halbtot lachen wollen. Alles sang: „Martha, Martha, Du entschwandest“ mit meinem Text: Das war ein Spaß!
Nun Schluß für heute.
Anbei Bilderschecks für Karlh. u. einige Karten, die zu verwahren ich Euch bitte.
Euch allen einen herzl. Gruß von Eurem
Gisbert