Gisbert Kranz an seine Familie, 7. März 1942
Neuruppin, den 7.III.42 abends.
Meine Lieben!
Für Eure Glückwünsche, die ich soeben mit der Karte meines Kompanieführers, Herrn Leutnant Benwitz, erhielt, sage ich Euch meinen herzl. Dank. Ob ich mich mit meinem Chef gut stehe, fragt Mutter. In Alexandria u. Poltawa war es nicht so. Da hat er mich ein paarmal ganz barbarisch angeschnauzt. Das erstemal war es auf dem Exerzierplatz in Alexandria, wo er mit immer heiserer und lauter werdenden Stimme wohl zwanzigmal hintereinander meinen Namen brüllte, weil ich immer aus der Reihe tanzte, das Bild der Kompanie störte und dadurch meinen Leutnant fast zur Verzweiflung brachte. Das andere mal war es während einer Besichtigung in Poltawa, wo unsere Gruppe Ladegriffe mit Gewehr vorführen mußte
und ich entgegengesetzt der Vorschrift, mit der rechten Hand die entladenen Patronen in die Patronentasche steckte (oder mit der Linken, ich weiß jetzt auch nicht mehr, wie die Vorschrift lautet. Spielt auch keine Rolle, im Gefecht ist das egal, ob man einen Handgriff mit der Linken oder mit der Rechten ausführt.) Jedenfalls machte ich es falsch und Benwitz fuhr mit wutverzerrtem Gesicht auf mich zu und brüllte mir in die Augen: „Mit der Linken, hören Sie! Mit – der – Lin – ken!“ Ihr müßt wissen, daß unser Leutnant – sonst ein erträglicher Kerl – mitunter solche Schreianfälle bekommt, und da ich das wußte, antwortete ich ihm mit dem ruhigsten Gesicht von der Welt, so ganz stur: „Jawohl, Herr Leutnant, mit der Linken!“ Darauf tobte er noch lauter: „Jawohl, mit der Linken! Ha – ben Sie mich versta – nden! Mit der Linken!“ Wegen dieses Vorfalls mußte ich nach der Besichtigung vor dem angetretenen Haufen noch
eine saftige Rüge einstecken. – Das dritte Mal – Ihr werdet mich jetzt sicher für einen sehr schlechten Soldaten halten – überraschte Benwitz mich, als ich zwei Tage vor dem Einsatz in Mariupol an den Fahrzeugen der Kompanie Posten stand und den Kinnriemen über den Stirnschild des Stahlhelmes geschoben hatte. (Das ist bequemer, aber verboten.) Ich hatte noch nicht drei Worte meiner Meldung ausgesprochen, als mein Helm schon von meinem Kopf flog und ich ganz gehörig angekotzt wurde: „Tragen Sie den Stahlhelm an der Front auch so? Sind wohl verrückt geworden!“ Und ich Idiot wende mich noch während dieses Ungewitters um, um mich ganz verwirrt nach dem heruntergeworfenen Stahlhelm zu bücken, anstatt Haltung zu bewahren und stramm zu stehen, bis der Chef weg war.
Ich hatte also – wie Ihr seht – vor dem Einsatz wenig Anlaß gegeben, daß man ein günstiges Bild von mir gewann. Trotzdem schickte
mich Benwitz zum Offizieranwärter-Lehrgang in Alexandria. Ich bin froh, aus den Zeilen, die er mir schrieb, zu sehen, daß er mich jetzt anders einschätzt als vorher. Die Worte der Anerkennung, die er für mich findet, sind zwar knapp, doch überzeugt, und ich bin froh, daß mein Chef im Gefecht einen andern Eindruck von mir bekam. Überhaupt war ich angenehm überrascht, daß er so kameradschaftlich schrieb und mir sogar einen ausführlichen Brief ankündigte. Dabei hat er doch einige Dutzend Verwundete in seinem Haufen. Das ist ein patenter Kerl, unser Leutnant. – Mein Unteroffizier, der mir vor dem Einsatz spinnefeind war, aus verschiedenen Gründen, hat an der Front seine Meinung über mich ebenfalls ändern müssen und sagte mir das nachher auch. Daß das ehrlich gemeint war, seht Ihr daran, daß er mich zum EK vorschlug. –
„Nun will ich schließen“ (wie Günter immer schreibt, obwohl er mit dem Brief kaum angefangen hat) und grüße Euch
Euer Gisbert
Nb. Dieser Tage kann ich zwei „Jubiläen“ feiern: Am 10.III. bin ich ein Jahr Soldat. und am 12.III. bin ich 50 Tage hier im Lazarett. Kinder wie die Zeit vergeht!