Gisbert Kranz an seine Familie, 16. März 1942
Neuruppin, den 16.III.42.
Meine Lieben!
Mit großer Freude las ich Eure alten Briefe von den letzten Tagen des vergangenen und den ersten Tagen des neuen Jahres, die ich heute abend erhielt und für die ich Euch danke. Heute morgen erhielt ich auch das andere Kuchenpaket mit den Reclambändchen und den Zigaretten, für das ich ebenfalls danke. Den Kuchen lobt die ganze Stube; er hat sich gut gehalten. Schade, daß die schönen Kunstkarten so zerknittert worden sind; aber gefreut habe ich mich trotzdem darüber. Dank auch für den Artikel von Sigism. von Radecki. –
Ich muß immer noch liegen. Allerdings habe ich mir Samstag einen Urlaubsschein verschafft und bin ausgekniffen. Als Schw. Martha von der Mittagspause zurückkam,
war ich schon am Neuruppiner See. Ich bin ungefähr drei Stunden gegangen, habe aber jetzt noch Muskelkater davon. Es war fürs erste mal nach einem Vierteljahr zuviel. Abends habe ich mir noch einen neuen Film angesehen: Menschen im Sturm. Dann kaufte ich mir noch ein schönes Buch, das zum 70. Geburtstag von Stijn Streuvels erschienen ist und einen guten Querschnitt durch das Werk des flämischen Dichters zeigt und auch einige interessante Fotos enthält. Nach dem wenigen, was ich bis jetzt von Streuvels las, schätze ich ihn höher als F. Timmermans, dessen Bücher ich mit 16 Jahren begeistert aufnahm. – Es hat natürlich eine Zigarre gegeben, daß ich eigenmächtig ausgegangen bin, doch dabei ist es dann geblieben. Ich hoffe, bald legal ausgehen zu können. Für nächsten Sonntag erwarte ich den Besuch meines Leibfuchsen H. Stimpel, der beim Oberbe-
fehlshaber der Luftwaffe in Berlin einen Kursus mitmacht. – Die gelesenen Bücher schicke ich demnächst zurück. Das Werk von Schenziger[=?] habe ich mit großem Interesse gelesen. Es frischte bei mir manche Erkenntnisse aus dem Physik- u. Chemieunterricht der Schule auf. Auch das Buch vom christl. Osten, dessen einzelne Artikel hochaktuell sind, habe ich aus. Es eröffnete mir manche Perspektiven, die mir Neues zur Deutung Dostojewskis gaben. Über Dostojewski und über die russische religions-philosophische Bewegung der Gegenwart (vor allem über Nikolai Berdjajew) enthielt das Buch gute Kapitel. –
Nun Schluß für heute. Ich will noch an Tante Maria schreiben.
Herzl. Gruß, auch an Tante Nettchen, über deren Brief ich mich sehr freute und für den ich danke,
Euer
Gisbert
[Zeichnung]
Melodie: Ännchen von Tharan ...
Martha, Du Starke, Du forderst Respekt;
den wollen wir wahren. Dies Lied nur bezweckt,
Dich zu verehren, zu huldigen Dir,
Lob zu vermehren, Du Chef von Be vier!
Stolz und erhoben, so trägst Du Dein Haupt.
Grund ist zu loben, sonst niemand Dir glaubt,
daß Du vom Adel, und daß Dir verliehen,
forschen Charakter des Volks von Berlin.
Martha im Zorne uns tötet Dein Blick
Aber Dein Lächeln bereitet uns Glück.
Darum wir flehen: Sei gnädig, sei licht,
laß uns heut sehen Dein lächelnd Gesicht!
[Zeichnung]
Melodie: Es weht der Wind mit Stärke 10 (Foxtrot).
„Vielleicht stehen Sie gefälligst auf!
Es ist ja schon halb acht!“
So weckt die Luzie mit Geschnauf
uns mitten in der Nacht.
O seht sie an, o seht sie an!
Wie Schwester Luzie fluchen kann!
Springt sie uns auch in das Gesicht,
wir fürchten uns nicht! -
Da werden Krankenschwestern zu Hyänen
krallen uns dann die Augen heraus.
Die sind dann ungeheuer schwer zu zähmen.
Schmeißt sie ’raus aus dem Haus, schmeißt sie ’raus!
Und wenn sie auch vor Zorn erbebt,
Mit Gewalt uns aus den Betten hebt:
Das kann doch einen Landsere nicht erschüttern.
Auch nicht Du, Schwesterlein Luzie.
[Überschrift verdeckt]
Wer zerschlägt die meisten Teller?
Wer hat selten einmal Ruh?
Wer bewegt sich immer schneller
als die andern Schwestern tun?
Wer gibt uns die beste Pflege?
Wer belebt die Station?
Wer ist hier am meisten rege?
- Ursula! Ihr merkt es schon.
Drall und rund und sehr gediegen
uns erfreut sie jeden Tag.
Und an uns soll es nicht liegen,
wenn sie mal hat Ungemach.
[Zeichnung]