Gisbert Kranz an seine Familie, 30. August 1942

Danzig, den 30.VIII.42.

Meine Lieben!

Nun sind schon drei Jahre vergangen, seit der Krieg begonnen. Ich war damals im RAD, und alle Gedanken, die ich in den ersten Septembertagen 1939 hatte, drehten sich um die namenlosen Leiden, die dieser Krieg bringen würde. Ich sah ein Meer von Blut und Tränen, und mein heißer Wunsch war, daß diese Prüfung bald vorübergehe. Gott hat es anders gewollt. Drei Jahre tobt nun der Krieg, hat Ausmaße angenommen, die kaum einer erwartet hatte. Und noch sehn wir kein Ende. Wir wolln bei aller Sorge um die Zukunft nicht an unser eigenes Schicksal denken, sondern an das Schicksal des Deutschen Volkes. Darum dürfen, ja müssen wir Sorge tragen; was aber aus uns selbst wird in dieser todumdrohten Zeit, wollen wir dem Vater dort oben überlassen, der für uns sorgt. Alle Sorge um unsere persönlichen Anliegen

wollen wir auf ihn werfen. Welch großen Trost gewährt doch das Evangelium des heutigen Sonntags für die, die dem rechten Herrn dienen! –

Ein Jahr ist es her, als wir nach Rußland in Marsch gesetzt wurden. Damals hatten wir vielleicht bange Sorgen umeinander, doch alles ist gut abgelaufen. Ich habe in diesen drei Kriegsjahren viel Schmerzliches erlebt, aber auch viele Freude gehabt, und für beides bin ich dem Herrn dankbar, denn in Schmerz u. Freude bin ich gereift. - -

Vaters Brief habe ich erhalten, auch die Kölnische Zeitung mit meinem Aufsatz. Dieser Tage schickte ich zwei Bücher, von denen das eine über „Antiqua als Normalschrift“ Karlheinz gewiß interessieren wird. Wie hat Karlheinz die Gehilfenprüfung bestanden? Ich tippe auf gut. – Gestern war ich mit meinem Studienfreund u. Kriegskameraden Jos. Breuer am Strand in Glettkau, heute mit Willi Schütz in Heubude. Das Wetter ist seit 2 Wochen warm u. sonnig. Solches wünsche ich auch Mutter für ihren Urlaub in Monschau. –

Recht herzl. Grüße Euer Gisbert.

Die angestrichene Stelle in Dr. Gaillards Brief (anbei) wird Karlheinz interessieren.