Gisbert Kranz an seinen Vater Gisbert, 13. September 1942
Danzig, den 13.IX.42.
Mein lieber Vater!
Zu Deinem Geburtstag gratuliere ich Dir sehr herzlich. Ich wünsche, daß Du ihn in Gesundheit und Freude verbringen kannst und daß diesem Geburtstag noch recht viele, ebenso glückliche folgen. –
Am Mittwoch begann der Unterführer-Lehrgang. Er ist in unserer Kompanie untergebracht. 120 Mann nehmen daran teil, meist Unteroffiziere und Feldwebel. So stehen Gefreite und Korporäle u. Portepeeträger in einem Glied. Lehrgangsleiter ist Oberleutnant Schuch von der 1. Komp., ein ruhiger Mensch. Der Dienst ist abwechslungsreich und interessant, doch nicht so hart, wie es die andern Lehrgänge waren, die ich mitgemacht habe. Wohl machen
wir in den aktiven Infanterie-Gewehrgriff u. Parademarsch, aber Schikane u. Schleifen kann man uns Frontkämpfern (die meisten, wenigstens von den Mannschaftsdienstgraden, sind es) gegenüber nicht anwenden. Jetzt bin ich auch endlich zu einer funkelnagelneuen Uniform gekommen und brauche nicht mehr in der verschlissenen u. geflickten Feldbluse auszugehen, in der ich in Urlaub fuhr. Da Montag unsere Rekruten zur Feldabstellung neu eingekleidet wurden, war es für mich nicht schwer, meine alte Sachen gegen neue zu tauschen. –
Am Donnerstag hatten wir eine Gefechtsübung, ein kleines Manöver mit allen Infanteriewaffen südl. von Danzig. Der Mot.-Marsch durch die herrliche Landschaft war ein schönes Erlebnis für mich. Es war ein klarer, durchsichtiger, sonniger Septembertag, einer von denen, die die Lunge freier atmen
und den Blick klarer werden lassen. Am frühen Nachmittag kehrten wir zurück und hatten anschließend Dienstfrei. Ich hatte keinen Pfennig Geld mehr und war froh, als endlich das Honorar von der Köln. Zeitung (50 M) angekommen war. So konnte ich mir den Nachmittag schön gestalten. Es gelang mir sogar, eine Karte für die erste Reihe Sperrsitz des Staatstheaters zu bekommen, eine Stunde vor Beginn der Vorstellung. Zur Eröffnung der Winterspielzeit ging Goethes Egmont mit der Musik von Beethoven in Szene. In der Pause traf ich Herrn Bretscheider (den Ersten Konzertmeister) und – ganz zufällig u. unverabredet – Jupp Breuer. Der Spielplan enthält übrigens eine stattliche Reihe guter Opern u. Schauspiele, die noch manchen genußvollen Abend versprechen. Freitag war ich im Bachkonzert in St. Marien, war nur leider zu müde
dieser einzigartig erhabenen Kunst in allem zu folgen. – Heute will ich mit Jupp Breuer eine Hafenrundfahrt machen. Vielleicht fahren wir auch nach Zoppot. –
Es freut mich sehr, daß Mutter es in Monschau so gut getroffen hat. Doch hat sie meinen anonymen Aufsatz in der KZ Dresen verraten, was mir nicht recht ist. Dresen schrieb mir u. will den Aufsatz unbedingt lesen. Ich habe aber nur ein Exemplar des Abdrucks. Deshalb bitte ich Karlheinz, mir die „Briefe eines Gefallenen“ in mehreren Durchschlägen noch mal abzutippen. Ich habe nur noch einen einzigen Durchschlag des Manuskripts, den er mir sofort nach hierhin schicken möchte. Die Nordhausener Zeitung hat mich um Erlaubnis zu einem Zweitabdruck gebeten u. fragt nach meiner Honorarforderung. Ferner bitte ich um den Durchschlag meines
Aufsatzes „Dostojewski und das russ. Experiment“, den ich der Köln. Zeitung anbieten will, die ihn noch nicht kennt. Beides, die „Briefe“ und den Dostojewski-Aufsatz, findet Karlheinz in dem kleinen Schränkchen auf meinem Regal. – Wenn die Fotos von mir fertig sind, bitte ich um baldige Übersendung der Abzüge. –
Mein Konsemester Eugen Freidhof, der mit mir in Hamm ausgebildet wurde u. bis vor kurzem Ausbilder in der Ma in Lingen war, ist jetzt nach Afrika abgestellt worden. –
Ich will nicht vergessen, Dir für Deinen lieben Brief, die Birnen u. das Geld zu danken, lieber Vater, ebenso für die Zeitungen, die ich regelmäßig erhalte. Auch die „Feldpost d. H.“ habe ich bekommen. – Günter wünsche ich für seine Ferien viel Freude. Fritz ermahne ich eindringlich, die letzte Chance zu nutzen u. sich tüchtig
auf den Hosenboden zu setzen. Es liegt jetzt an Dir, lieber Fritz, ob Du studieren kannst, ob Du einen freien, akademischen Beruf einschlägst, oder ob Dir ein Angestellten- oder Beamtenleben beschieden ist. Ich denke, zu letzterem bist Du nicht geschaffen und hast Du keine Lust. Wer aber etwas werden will, muß arbeiten und fleißig sein. –
Ich grüße Tante Nettchen, Karlheinz, Günter und Fritz herzlich, ganz besonders aber Dich, lieber Vater
in Hochachtung u. Verehrung
Dein Gisbert
Bitte, schicke diesen Brief Mutter nach. – Ich füge einen Brief unseres Bischofs bei, der die ganze Liebe seines Vaterherzens kundtut.
Herzl. Dank für Karlheinz Brief. Fein, die Fahrt in die Heide! Aber militär. Dinge darf er nächstens nicht mehr schreiben.