Gisbert Kranz an seine Familie, 23. September 1942

Danzig, den 23.IX.42.

Meine Lieben!

Wenn dieser Brief zu Hause ankommt, wird Mutter gewiß ihren Koffer schon wieder ausgepackt haben. Ich freue mich, daß die Erholung so gut angeschlagen hat und wünsche, daß sie recht lange vorhält. Vater muß aber unbedingt noch mal 14 Tage ausspannen, wenn es sich eben machen läßt. Er hat einen zweiten Urlaub redlich verdient.

Ich danke für Mutters Brief, auch für ihren letzten Kartengruß aus Monschau, den ich vorhin erhielt. Mutters Wunsch, ich möchte mit meiner neuen Uniform doch mal zum Fotograf gehen, um Euch ein nettes Bild zu schicken, ist bereits erfüllt. Auf das Bild müßt Ihr allerdings noch eine Weile warten. Auf den Kuchen, den Mutter mir versprochen hat, freue ich mich jetzt schon.

Karlheinz danke ich für Brief und Abzüge, vor allem für die gutgeratene Kopie meines Manuskriptes. Nochmals: Meinen Dank u. Anerkennung! Und damit ich es nicht vergesse, meinen Respekt u. ergebenste Gratulation zur bestbestandenen Prüfung! Fritz mag es ein Beispiel und Ansporn sein! Fein, daß Ihr nach Altenberg wallfahrtet! Wenn Ihr am Sonntagmittag im Dom weilt, will ich an Eurer Gemeinschaft teilnehmen. Übrigens habe ich lange nichts mehr von Hans Schocke gehört. Wie ist seine Anschrift? Schreibt er keine Rundbriefe mehr? Wenn Du mit ihm korrespondierst, grüße ihn bitte von mir! Gruß auch an die andern Jungen der Pfarre!

Günter danke ich für die Besorgung des Regensburger NT. Wo bleiben die andern, fehlenden Bände? Vater bitte ich, die Rechnung zu begleichen.

Vorige Woche hörte ich Edwin Erich Dwinger, den bekannten Kriegsschriftsteller, aus eigenen Werken lesen. Als Dichter kann ich ihn nicht bezeichnen, er ist nur ein besserer Kriegsberichter, Schriftsteller, Journalist. Seine Persönlichkeit gefiel mir nicht. Er gab an. Hans Carossa ist mir als Dichter wie als Mensch lieber.

Ich fand kürzlich Goethes Tagebuch der italien. Reise im Fenster eines Buchladens u. kaufte es mir sofort, da ich mir Besonderes von der Lektüre versprach. Ich lese augenblicklich mit lebhaftem Vergnügen darin, staune über die Vielfältigkeit der Beobachtungen u. freue mich über manche entzückende Schilderung irgendeiner Landschaft oder einer Episode. – Auch meinen Shakespeare lese ich weiter, bin aber in den letzten Wochen wenig dazu gekommen. Vor allem deshalb, weil ich abends, die einzigen

Stunden am Tage, wo ich Zeit habe, meist zu müde bin, Dramen zu lesen. Leichter ist es, einem Spiel auf der Bühnen zuzusehn, als es dem Text nach nur zu lesen, wobei man etwas mehr Fantasie u. Gedächtnis aufbringen muß, um alles recht zu verstehen und die Zusammenhänge zu begreifen. –

Seid recht herzlich bedanke für Eure Grüße. Auch die Grüße Tante Nettchens u. Frau Strickers erwidere ich ebenso herzlich.

Euer Gisbert