Gisbert Kranz an seine Familie, 26. Oktober 1942
Riesenburg i. Ostpr., den 26.X.42.
Meine Lieben!
Ihr werdet Euch gewiß wundern, daß ich von hier aus schreibe. Eine Dienstreise führte mich hierhin; ich hatte einen Rekruten in das Reserve-Lazarett R. einzuweisen. Sonntagnachmittag bin ich noch mit Jupp Breuer spazieren gegangen über die herbstlich gefärbte Hindenburgallee. Abends fuhr mein Zug, über Dirschau (Weichsel), Marienburg nach hier. Gegen 10 Uhr langte ich mit meinem Soldaten an. Da Res. Laz. R. ein Speziallazarett für Geschlechtskrankheiten und Geistesschwache ist, hatte ich Gelegenheit, in das Elend der traurigen Folgen der Unmäßigkeit u. Achtlosigkeit einen Blick zu tun. Lange hielt ich es unter diesen verblödeten Menschen nicht aus.
Da der einzige Zug nach Marienburg erst nach 19 Uhr von hier abfährt, konnte ich den Nachmittag spazieren gehn. Das Lazarett liegt mitten im Wald, abseits des Städtchens, und das Wetter war herrlich. Ein Soldat, der auch in der 5. Feldkompanie war und den ich hier kennenlernte, begleitete mich. Der Mann ist vor kurzem aus dem Gefängnis gekommen und mußte sich hier vom Arzt untersuchen lassen. Er hatte in einem Nervenanfall sich zu Tätlichkeiten gegen einen Offizier hinreißen lassen, was ihn die Tressen u. Gefängnis kostete. Im übrigen ein guter Kerl, mit dem EK ausgezeichnet, 7 Jahre Soldat u. Teilnehmer an allen Feldzügen, mit dem ich mich geregt über die verschiedensten Dinge unterhalten habe. Er
wird mit mir nach Danzig zurückfahren. Er ist jung verheiratet und erwartet von seiner Frau zu Weihnachten ein Kind. – Morgen werde ich wieder bei meinen Rekruten sein. Diesmal sind es brauchbare Kerls durchweg, alle schon in der HJ oder SA vormilit. Ausbildung gehabt, teilweise im RAD gewesen, sodaß man manches schon voraussetzen kann. In meiner Gruppe sind alle bis auf einen vom Jahrgang 24, fast Kinder noch, und wenn ich sie so vor mir sehe, dann befällt mich oft Wehmut u. Schmerz über die Opfer, die Deutschlands Jugend heute bringen muß. Viele sind schwach, sehr schüchtern u. unbeholfen, und wenn sie Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres zur Front kommen und noch
einmal lebendig heimkehren, sind sie zu Krüppeln, Männern oder Idioten geworden. –
Was mit mir wird, weiß ich noch nicht; der Fürsorge-Offizier war noch nicht da; ich will ihn morgen mal anrufen. Wenn ich nach Danzig zurückkomme, wird Mutters Päckchen gewiß schon für mich daliegen. Ich freue mich schon darauf. Hoffentlich geht es Euch allen noch gut. Fritz wünsche ich weiter Erfolg bei seinem Studium, Vater, daß die kurze Erholung noch lange nachwirkt.
Herzlich grüßt Euch
Euer Gisbert
Schade, daß ich nicht schon heute Mittag fahren konnte. Da ich in Marienburg umsteigen muß, hätte ich mir dort ein paar Stunden Aufenthalt gegönnt um mir einmal die Nogat u. das Ordensschloß näher anzusehen, die ich so nur von weitem bei Vollmondschein sehn konnte u. werde.