Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 4. November 1942

Danzig, den 4.XI.42.

Meine liebe Mutter!

Die Hoffnung auf meinen Studienurlaub hat sich zerschlagen. Plötzlich fühle ich mich unendlich einsam hier. Der einzige der mir nahesteht, ist Jupp Breuer, den ich aber nur Sonntags sehe. Die Stunden, die ich mit ihm zusammensein kann, sind für mich die glücklichsten der Woche. Er ist mir in den zwei Jahren, seit ich ihn kenne, vor allem in Rußland, zum Freund geworden, den ich für das Leben nicht mehr loslassen will. Er ist der erste, der mir etwas zu geben vermag, zu dem ich aufschauen kann, obwohl er jünger ist als ich. Und nun bange ich darum, ich könnte ihn verlieren. Er

kommt zwar nicht mehr an die Front, wird im Gegenteil sogar bald Studienurlaub erhalten (ein Semester war er diesen Sommer schon in Bonn, wo ich ihn besuchte). Ich gönne es ihm von Herzen, sehnt er sich doch genau so wie ich nach Erfüllung seiner Kräfte. Wann aber werden wir uns wiedersehn? Ich brauche einen Freund. Ich bin dankbar, daß ich in ihm einen habe, glücklich überglücklich. Und deshalb würde mich eine Trennung unsäglich schmerzen. Den langen Winter allein in Danzig, einsam... Ich brauche wieder eine ordentliche Dosis Tapferkeit, dies zu ertragen. Für meinen Freund wünsche ich sogar, daß er Urlaub bekommt. Er hat im Lazarett größere Schmerzen gehabt als ich und ihn verdient. – Was klage ich überhaupt? Wäre ich jetzt an der

Front, wüßte ich Dich in Sorge um mich, und das würde mich sorgen lassen. Ich hätte aus vielerlei Gründen und in vielerlei Arten mehr zu leiden.

Ich weiß, liebe Mutter, und Du schriebst es mir noch zuletzt, wie sehr Du Dich mit mir gefreut hättest, wäre mein Wunsch in Erfüllung gegangen. Aber wir müssen uns bescheiden. Ich habe dreimal glückliche Tage daheim verbringen können, es geht mir auch hier gut, trotz allem, trotz der Beschwerden, die der Außendienst bei dem naßkalten Herbstwetter mit sich bringt, trotz des wiederholt auftauchenden Gefühls der Einsamkeit. Vielleicht liebe ich Gott nicht genug, daß ich mich einsam fühle. Ach, manchmal ist in mir ein unnennbares Gefühl, daß ich nicht sagen

kann, ob ich glücklich oder unglücklich bin...

Liebe Mutter! Habe bitte keine Sorge um mich. Eine Hoffnung ist mir zusammengebrochen, und ich muß sehen, wie ich mich jetzt damit abfinde. Neulich sprach ein evangelischer Bruder, den ich wegen seiner Frömmigkeit u. seines Charakters schätze, zu mir, er habe in Rußland in den trübsten Stunden sich immer gesagt: „Ich kann nur in die offene Hand meines Heilands fallen!“ Drum, mag sich mein Schicksal gestalten, wie Gott es will, ich kann nur in die offene Hand meines Heilands fallen.

Laßt mich Euch danken für Eure Zeilen, Vaters, Günters und Fritz’, vor allem für Deine lieben Worte, und sei herzl. gegrüßt von

Deinem Gisbert