Gisbert Kranz an seinen Bruder Fritz, 15. November 1942
Danzig, den 15.XI.42.
Lieber Fritz!
Herzlichen Dank für Deine Zeilen. Ich hätte zwar gerne einen etwas längeren Brief von Dir gehabt, doch denke ich, daß Du sehr viel zu tun hast, um Dein Ziel zu erreichen. Ich hoffe, daß Du bald soweit bist und wieder zur Schule gehen kannst. Sei froh, daß Du lernen kannst und Dich in die Schätze unserer Kultur vertiefen darfst. Viele möchten es, die Lust und Liebe dazu haben, es aber nicht können, weil der Geldbeutel ihres Vaters zu schlapp ist. Ich selbst sehne mich danach, wieder weiterstudieren zu dürfen, aber die Pflicht hält mich hier fest. Vielleicht gelingt es mir aber doch noch, Studienurlaub zu bekommen. Du glaubst nicht, wie sehr ich mich dann freuen würde.
„Aus dem Leben eines Taugenichts“ hat Dir also gut gefallen. Auch für mich war es die schönste Erzählung, die wir auf der Schule gelesen hatten. Als ich in meiner Rekrutenzeit in Hamm einen Eichendorffschen Novellenband bekommen konnte, habe ich diese Geschichte nochmal gelesen. Wenn Du soviel Zeit hast, zwischendurch mal eine hübsche Novelle zu lesen, so empfehle ich Dir aus meinem Bücherschrank: Björnson, Ein fröhlicher Bursch (Inselbändchen); Grimm (Hans), Wie Grete aufhörte ein Kind zu sein (Reclam); Mörike, Mozart auf der Reise nach Prag (sehr fein!); ferner die Bändchen von Timmermans u. Ernst Claes. Wenn Du eins gelesen hast, mußt Du mir schreiben, wie es Dir gefallen hat, warum es Dir gefallen hat und was Dir nicht daran gefallen hat.
Herzl. Gruß Dein Gisbert
Herzl. Grüße auch an Vater, Mutter u. Günter.
Anbei alte Briefe u. Manuskripte, die zu meinen andern Sachen zu legen sind.